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Ein Dämpfer zum Jahresende

30. Dezember 2015 von Raimund Brichta in Allgemein | 11 Kommentare

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Jahresrückblick von Raimund Brichta

Eigentlich lief 2015 an der Börse vieles wie erwartet: Der DAX erreichte schon im März die Marke von 12.000 Punkten, die ich im Januar als Pflichtziel vorgegeben hatte. Als dann die Stimmung drehte und die Kurse im August auf ein Paniktief fielen, ging ich zu Recht davon aus, dass auf diesem Kursniveau das Schlimmste überstanden sei. Allerdings musste ich mir dafür auch heftige Kritik anhören. Im Oktober schließlich lag ich mit meiner Erwartung einer substanziellen Kurserholung im letzten Quartal des Jahres ebenfalls nicht vollkommen daneben.

Nur einmal war ich etwas voreilig, als ich schon Anfang August ein Ende der Korrektur für möglich hielt. Das war mindestens 3 Wochen zu früh. Aber mit vorübergehenden Kursabweichungen muss man als Navigator immer rechnen, und deshalb kann ich damit leben. Dazu kommt, dass der DAX trotz aller Turbulenzen ein Jahresplus von fast 10 Prozent aufweist. Auch das ist nicht schlecht.

Eigentlich könnte ich mich also zufrieden zurücklehnen und das Jahr abhaken. Eigentlich. Die letzten Wochen haben mich jedoch vorsichtiger werden lassen. Es gab nämlich einen auffälligen Dämpfer, der die Kurserholung ins Stocken brachte. Was aber war die Ursache?

 

Super Mario war’s nicht

Viele hatten zunächst EZB-Chef Mario Draghi als Schuldigen im Visier. Denn just nach der Entscheidung, die Geldschleusen länger offen zu halten als ursprünglich geplant, setzte ein erster Abwärtsschub die Aktien unter Druck. Der Markt hätte mehr erwartet, hieß es dann überall zur Begründung. Dabei ging man aber eher nach dem Motto vor: Die Kurse fallen, also suche ich mir dafür eine passende Begründung. Denn im Großen und Ganzen hat Super Mario das geliefert, was er zuvor versprochen hatte.

Oft war in den Börsenkommentaren aber noch eine andere Begründung für den Kursdämpfer zu lesen: Der Ölpreis falle, und dies deute auf eine bevorstehende Konjunkturschwäche hin. Tatsächlich gehört der anhaltende Ölpreisrutsch zu den Top-Ereignissen des zu Ende gehenden Börsenjahres. Wer aber unterstellt, die Richtung des Ölpreises sei ein Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung, muss die letzten Jahre verschlafen haben. Sonst wäre ihm unschwer entgangen, dass der Ölpreis zum Beispiel bis Mitte 2008 rasant anstieg, obwohl noch im selben Jahr eine Rezession begann. Ihm wäre auch nicht entgangen, dass der aktuelle Ölpreisrutsch schon seit anderthalb Jahren anhält, sich seither aber keine Rezession einstellt. Kurzum: Den Ölpreis auf diese Weise als Konjunkturindikator einzusetzen, halte ich für abwegig.

 

Ölmarkt mit Wasserkopf

Der Ölpreis steigt und fällt vielmehr aus einem ganz anderen Grund: Hauptsächlich wegen der riesigen Summen, die Anleger und Spekulanten an den Ölterminmärkten bewegen. Ihre Geschäfte haben sich von der realen Angebots- und Nachfragesituation beim Öl längst abgekoppelt. Sie sind wie ein riesiger Wasserkopf, der auf den Ölmarkt aufgepfropft ist.

Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die Statistik, die zeigt, wieviel Öl tatsächlich gefördert und verbraucht wird: In den vergangenen 15 Jahren sind sowohl das reale Angebot als auch die reale Nachfrage um durchschnittlich 1-2 Prozent pro Jahr gestiegen. Eine gemächliche Entwicklung also. Was aber hat der Ölpreis in dieser Zeit gemacht? Er stieg zunächst um mehrere hundert Prozent, um sich danach zu dritteln, wieder zu verdreifachen und anschließend erneut zu dritteln. Das alles, während sich Angebot und Nachfrage stetig und nur im kleinsten Prozentbereich veränderten.

Somit steht fest: Die horrenden Preisschwankungen werden ausschließlich durch virtuelles Angebot und virtuelle Nachfrage am Finanzmarkt für Öl verursacht. Die dort vorherrschenden Trends werden zwar mit Argumenten befeuert, die sich auf den realen Markt beziehen. Die Finanzakteure kreieren damit aber nur eine Scheinwelt, die suggeriert, sie wäre die Realwirtschaft. Tatsächlich ist sie bloß ein Zerrbild derselben.

 

Warnsignale am Kreditmarkt

Zurück zum Aktienmark: Wenn also weder Mario Draghi noch Ölpreis und Konjunktur Schuld am letzten Dämpfer waren, wer oder was war es dann? Auffällig war in den letzten Wochen, dass die New Yorker Börse streckenweise zu besonderer Schwäche neigte. Hier beobachtete ich Signale, die nahelegen, dass Großinvestoren verstärkt verkauften. Warum aber taten sie das ausgerechnet in einer Jahreszeit, in der viele von ihnen eigentlich an steigenden Kursen interessiert sind, um zum Jahreswechsel eine gute Performance vorweisen zu können? Verkaufte man da etwa unfreiwillig, um Löcher an anderer Stelle zu stopfen?

Bekannt ist, dass die Lage am Markt für Anleihen weniger kreditwürdiger Schuldner angespannt ist. Zum Beispiel bei Ölfirmen, denen der niedrige Ölpreis zu schaffen macht. Kündigen sich also größere Probleme an den Kreditmärkten an? Oder sogar eine neue Finanzkrise? Und das ausgerechnet zu einer Zeit, zu der die US-Notenbank mit ihrer Zinserhöhung die Finanzkrise offiziell für beendet erklärt hat?

Jedenfalls könnte der Ölpreisverfall über diesen Umweg dann auch die Aktienmärkte in größere Schwierigkeiten bringen. Wie groß die Gefahr ist, wird Thema meines Börsenausblicks sein, der im Januar folgt. In der Zwischenzeit können Sie gerne hier mit mir diskutieren.

Einen angenehmen Jahreswechsel wünscht Ihnen

Ihr
Raimund Brichta

11 Kommentare

  1. Durch den bis jetzt milden Winter sind die ölreserven nach wie vor voll, dadurch ist ein Überangebot an Öl vorhanden, aus meiner Sicht ist die einzige Chance für steigenden Ölpreis eine Aufschwung in China.

    • Genau das meine ich: Mit solchen Argumenten wird der Ölpreis an den Finanzmärkten bewegt, reale Schwankungen der Nachfrage stehen aber – wenn überhaupt – nur zu einem Bruchteil dahinter.

  2. Von den genannten Faktoren abgesehen scheint die Strategie Saudi-Arabiens bedeutsam, Konkurrenz mit Niedrigpreisen auszuschalten. Das Kräftemessen erinnert an das der Kali-Förderer. Die Strategie wird scheitern, weil die Konkurrenten der Araber nur den Namen wechseln, aber ihre Ressourcen behalten. Der Preiskrieg kann aber 2016 stark belasten, bis hin zum Scheibchencrash.

  3. Inzwischen sind wir ja ein wenig klüger – der Dämpfer wurde zum kleinen Crash. Aber das „warum“ erschliesst sich mir immer noch nicht so ganz. Herr Brichta hat Recht mit seinem oft zitierten „die Gründe werden dann nachgereicht“.
    Aber anders als beim Tatort ist es eben nicht der eine Übeltäter der für ein Schlachtfeld sorgt – zum sterben ja bei einem Crash (hoffentlich) keine Menschen – sondern ein komplexes Gemisch von Gründen kombiniert mit einer ordentlichen Portion Psychologie, wo die Angst ganz dicht neben der Euphorie geparkt ist und auch nicht wirklich verhersehbar ist.
    Mein Gefühl ist, ähnlich wie bei Herrn Brichta, dass da ein paar global Player mehr wissen über die Kreditwürdigkeit so mancher Ölfirmen und mit den daruffolgendem Abzug von Kapital – anfangs hauptsächlich an der New Yorker Börse – die ersten Schockwellen setzten. Nun ist der Ball im Rollen und es bleibt abzuwarten ob sich bis zum Frühjahr eine handfeste Krise daraus entwickelt. Der momentan so oft genannte Hauptübeltäter China ist für mich allenfalls ein Gehilfe in diesem Crash-Mordkomplott (wenn er den einer werden sollte). Unterschied zum Krimi – wir werden nach dem Crash immer noch nicht so richtig wissen, wer eigentlich der Mörder war! :)

    • Dies deckt sich mit meinem heutigen Börsenausblick, Teil 2. Darin schreibe ich:

      Auch aktuell bereitet mir das Börsenverhalten mehr Kopfzerbrechen als all das, was an Nachrichten bekannt ist. In einer solchen Situation, das habe ich gelernt, muss man sich besonders vor dem in Acht nehmen, was noch im Verborgenen liegt. Denn die Börsen beginnen große Störungen oft einzupreisen, bevor sie ans Tageslicht kommen.

  4. Wenn Ihre These stimmt Herr Brichta, wonach der Ölpreis wenig von der physischen Angebots- und Nachfragesituation beeinflusst wird, dann würde dies ja bedeuten, dass sich der Ölpreis relativ abrupt wieder nach oben bewegen könnte. Oder sehe ich das das falsch?

    • Könnte, ja, lieber Andi. Wann und von welchem Niveau aus das geschieht, weiß ich allerdings auch ncht 😉

      Und noch was zur Situation am physischen Markt: Ich habe mal ausgerechnet, dass die Menge der Ölproduktion im vergangenen Jahr etwa anderthalb Prozent höher war als der Verbrauch. Die Differenz geht in den Lageraufbau. Anderthalb Prozent mehr Öl als gebraucht – für welchen Preisrückgang hätte dies wohl gesorgt, wenn es nur den physischen Markt gegeben hätte? Bestimmt nicht für eine Drittelung!

      Mehr noch: Es wäre vermutlich nicht einmal zu diesem, relativ geringen, Überangebot gekommen, wenn der Finanzmarkt den Preis nicht vorher in irreal luftige Höhen katapultiert hätte. Dies hat nämlich zu Fehlinvestitionen in die Ölförderung geführt.

      • Wenn man bedenkt, dass vor ein paar Jahren noch politische Instabilitäten in der Golfregion für den Anstieg des Ölpreises verantwortlich gemacht wurden. Jeder Pups wurde doch aufgeblasen und so dargestellt, als ob die Ölversorgung gefährdet wäre.

        Und heute?! Da wird in der Region nicht nur kräftig mit dem Säbel gerasselt, sondern es werden Stellvertreterkriege geführt und der Konflikt zwischen den Arabern und dem Iran spitzt sich immer mehr zu. Spricht auch für Ihre These Herr Brichta, denn man müsste ja erwarten, dass de Ölpreis durch die Decke geht angesichts dieser sicherheitspolitischen Konstellation.

        Was fällt steigt auch wieder. Die Frage ist halt, wann lohnt es sich wieder in ölaktien zu investieren…?

        • Ölaktien sind ja noch eine ganz andere Frage. Hier müssen Sie bedenken, dass die Investition in fossile Energieträger weltweit immer mehr als politisch inkorrekt verpönt wird. Das könnte langfristig erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung der Ölreserven und der Ölunternehmens-Aktien haben. Für mich wäre dieser Sektor keine erste Wahl.

          • Langfristig wird wohl die Frage sein, wieviel Öl wir als Energielieferant und Grundstoff für die chemische Industrie z.B. noch brauchen werden in Zukunft. Und wieviel Öl kann überhaupt noch gefördert werde?

            Fossile Energieträger gelten zunehmend als politisch inkorrekt, sehe ich auch so. Aus meiner Sicht ist das aber zum heutigen Zeitpunkt zum größten Teil Ideologie und wie lange kann man sich den Realitäten verweigern, sofern wir meine obige Frage mit „Noch lange!“ beantworten?!

            Wobei es in Deutschland zum Beispiel Tradition hat der Ideologie zu folgen bis zum bitteren Ende… 😉

          • Ich würde eine solche Entwicklung nicht verharmlosen. Wenn sich weltweit immer mehr Fonds aus solchen Investments aus ethischen Gründen verabschieden (z. B. der Ölfonds Norwegens), dann wird dies die Bewertung dieser Aktien unweigerlich nachhaltig nach unten drücken. Und zwar unabhängig davon, wieviel Öl noch gebraucht wird oder gefördert werden kann.

            Mit anderen Worten: In ein Wahre-Werte-Depot gehören Ölfirmen definitiv nicht hinein!

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