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Anschnallen und auf Sicht fahren!

10. Januar 2016 - Raimund Brichta in Allgemein | 12 Kommentare

Mein Jahresausblick, Teil eins

Wann kommt die nächste Krise? Diese Eingangsfrage für meinen Ausblick auf 2016 hatte ich bereits beim Schreiben des Jahresrückblicks festgelegt. Die erste Börsenwoche des Jahres gibt dieser Entscheidung jetzt eine zusätzliche Brisanz.

Vorweg: Der letzte große Aktieneinbruch startete vor exakt acht Jahren. Damit öffnet sich nach meiner Einschätzung nun langsam wieder das Zeitfenster für den nächsten. Warum?

Weil in unserem Finanzsystem Krisen zwangsläufig immer wiederkehren. Nach der Krise ist also auch stets vor der Krise.

Mit Details dazu möchte ich Sie nicht langweilen, zumal sich die Hintergründe hier ohnehin nicht in der gebotenen Gründlichkeit darstellen lassen. Wer mehr wissen will, sollte einfach noch mal einen Blick in unser Buch werfen. (Dies ist ausdrücklich keine Aufforderung zum Buchkauf! Vermutlich gibt es das Werk inzwischen auch in jeder guten Bibliothek zur Ausleihe.)

Im Prinzip reicht aber schon gesunder Menschenverstand aus, um das zu erkennen. Schauen wir nur auf die letzten 20 Jahre: Asienkrise 1997, Russland- und LTCM-Krise 1998, Platzen der Hightech-Blase 2000, große Finanzkrise 2008 – alles Krisen, die ihren Ausgang an den Finanzmärkten nahmen und die zu Rückschlägen an den westlichen Aktienbörsen führten. Manche nur kurzfristig wie 1997 und 1998, manche nachhaltiger wie 2000 und 2008. (Die Eurokrise habe ich bewusst weggelassen, weil sie an den wichtigsten Aktienbörsen keinen Kursrutsch zur Folge hatte.)

Glaubt tatsächlich jemand, dass diese Krisenabfolge nun abrupt zu Ende wäre? Warum sollte sie? Das Finanzsystem ist schließlich dasselbe geblieben.

Und mit acht Jahren Abstand zum Start des letzten großen Abschwungs wird nun langsam die Zeit reifer für den nächsten. Mehr nicht. Ich persönlich rechne zwar erst in zwei bis drei Jahren damit. Trotzdem kann es nicht schaden, von jetzt an wachsamer zu werden. Schließlich beginnt ein großer Abschwung oft genauso wie ein kleiner.

 
Noch Korrektur oder schon Bärenmarkt?

Was bedeutet das für die aktuelle Lage? Wie im Jahresrückblick beschrieben,
habe ich bereits im Dezember Schwächesignale an den Börsen ausfindig gemacht, die für diese Jahreszeit ungewöhnlich waren. Damit rückt ein Ende der übergeordneten Korrekturphase, die schon seit April dauert, wieder in weitere Ferne. Für eine normale Korrektur ist das schon verdammt lang. Und je länger sie dauert, desto größer wird die Gefahr, dass wir uns in Wahrheit schon in einem verdammten Bärenmarkt befinden, also in einem länger dauernden Kursabschwung.

Der Januar sollte so etwas wie ein Hoffnungsmonat sein. Wenn er positiv verläuft, ist das oft ein gutes Zeichen für das gesamte erste Vierteljahr. Leider aber auch umgekehrt: Läuft der Januar schlecht, sind auch die Aussichten fürs Frühjahr trübe.

Umso stärker war für mich das Warnsignal, das bereits der erste Handelstag des Jahres lieferte. In unserem Wahre-Werte-Musterdepot, das ich maßgeblich mit betreue, haben wir deshalb gleich zur Börseneröffnung des 4. Januar unsere Gewinne gesichert, um entspannt abzuwarten, bis sich die Lage beruhigt.

 
Ein Dartpfeil für 2016?

Als jemand, der stets bemüht ist, Sie zuverlässig durchs Börsengeschehen zu navigieren, habe ich mich nie gescheut, konkrete DAX-Ziele für das jeweils neue Jahr zu nennen – angefangen vom Ziel 5.000 für das Jahr 2005 bis zum Ziel 12.000 fürs vergangene Jahr.

Diesmal aber ist eine konkrete Marke noch nicht absehbar. Auch das zeigt, wie außergewöhnlich die Situation ist. Natürlich könnte ich einen Dart-Pfeil werfen oder mir es so einfach machen wie viele Bankanalysten, die in der Regel im Durchschnitt ein Jahresplus von etwa 10 prognostizieren – und das in jedem Jahr.

Aber Sie sind von mir Fundierteres gewohnt. Und deshalb werden wir in diesem Jahr mehr auf Sicht fahren müssen – so wie man das im Auto macht, wenn’s neblig ist.

Konzentrieren wir uns also zunächst ganz nüchtern aufs erste Vierteljahr: Nach einem solchen Jahresstart halte ich es für wahrscheinlich, dass die Börsen bis in den März hinein wackelig bleiben. Die Tiefststände von August und Ende September könnten noch einmal getestet oder sogar unterboten werden. Mit der ersten Börsenwoche ist sogar die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Letzteres passiert.

Von da aus dürfte zwar eine neue Erholung starten, deren Substanz und Nachhaltigkeit wäre aber zu gegebener Zeit erst zu prüfen. Soll heißen, es könnte sich dann erneut nur um eine Zwischenerholung handeln.

Nochmal: Es ist genauso verfrüht, jetzt schon den Beginn einer neuen Krise auszurufen wie diesen kategorisch auszuschließen. Das macht die Lage so schwierig. Sollte sich im Frühjahr ein Tiefpunkt ausbilden, der länger Bestand hat, könnte es danach auch wieder nachhaltiger nach oben gehen – sogar zu neuen Höhen.

Letzteres fände ich ideal, weil der DAX nach meinem Dafürhalten erst noch einmal deutlich steigen sollte, bevor es – in einigen Jahren – zum nächsten wirklich großen Knall kommt, der ohnehin nicht vermeidbar ist (siehe oben). Aber die Börse ist kein Wunschkonzert, und deshalb lege ich von nun an immer dann den Sicherheitsgurt an, wenn es turbulent wird – und warte danach in Ruhe ab, bis die Anschnallzeichen erloschen sind,

schreibt Ihr entspannter
Raimund Brichta

P. S.
Mehr zur aktuellen Lage erfahren Sie morgen in Teil zwei meines Jahresausblicks.

12 Kommentare

  1. Die Prognosen auf den Dax-Stand in zwölf Monaten scheinen unter Börsenexperten und Anlageberatern ein Volkssport zu, der aus meiner Sicht kaum Mehrwert für uns Anleger hat. Es ist daher wohltuend, dass jemand aus dem Kreise einen anderen Weg geht und dass er sich darauf beschränkt, eine Analyse der aktuellen Situation zu veröffentlichen.

    Wenn ich auf das „Wahre Wert Depot“ schaue, ist die aktuelle Portfoliozusammensetzung aus meiner Sicht deshalb nachvollziehbar. Ich werde aber trotzdem bei dem hohen Liquiditätsstand nachdenklich. Besteht hier nicht das Risiko einer plötzlichen Geldentwertung. Oder gehen Sie eher davon aus, dass sich eine Geldentwertung ankündigt und dass hier noch Zeit genug ist, im Fall der Fälle zu reagieren ?

    • 1.
      Wir haben doch erst vor einer Woche alles glattgestellt und damit die Gewinne mit unseren wahren Werten gesichert. (Immerhin plus 21% seit Depotstart im Oktober 2014.) Das heißt, sobald die lage sich beruhigt (ich rechne damit schon im März), werden wir wieder investieren.

      2.
      Als Autoren des Werkes „Die Wahrheit über Geld“ (siehe Link auf dieser seite) beobachten wir selbstverständlich das Geldgeschehen ebenso genau wie das Börsengeschehen. Sobald sich eine Geldentwertung ankündigen würde, würden wir natürlich reagieren.

      3.
      Ich habe in den letzten 11 Jahren ebenfalls konkrete DAX-Ziele vorgegeben, wie ich bereits im Kommentar schrieb. Und meine Trefferquote kann sich mit 73% durchaus sehen lassen (8 mal richtig, dreimal daneben).

  2. Lieber Herr Brichta,
    Börsenkurse sind heute Ergebnis aus gehandelten Insiderinformationen, illegalen Absprachen, unübersichtlichen Bankenoperationen und logarithmisch basierten Rechenprogrammen. Eine Voraussage wie „die Börsen bleiben bis zum Frühjahr wacklig“ kann man sich im Allgemeinen und im Besonderen sparen. Die Börsen sind seit 2001 systembedingt wacklig.

    • Einspruch, lieber herr Brurggraf,

      die Börsenkurse verhalten sich heute nicht anders als vor 10, 20 oder 50 Jahren. Und genau deshalb kann ich sie einigermaßen abgreifen (8 Volltreffer bei 3 Fehlprognosen in den letzten 11 Jahren = Trefferquote von 73%).

      Anders als Sie behaupten, sind die Börsen auch nicht immer wackelig. Dazu brauchen Sie nur mal ins letzte Jahr zu schauen: Da war der DAX im ersten Quartal alles andere als wackelig, sondern es ging im Gegenteil stramm nach oben, so dass mein im Januar ausgegebenes DAX-Ziel 12.000 bereits im März erreicht wurde.

      Ich erspare mir die Prognose, dass es diesmal bis ins Frühjahr hinein wackelig bleibt, also ausdrücklich NICHT. Weder im Allgemeinen, noch im Besonderen.

  3. habe ein kleines Depot, bin schon sehr lange dabei.
    Habe auf gute Dividende gesetzt.
    Aber ich denke man sollte einige Gewinne sichern; Gelegenheiten zu günstigem Einstieg gibt es immer wieder.
    Trotzdem meine ich, dass man an Aktien nicht vorbeikann.

    Sehr freundliche Grüße
    Heinrich Seibert, Worms

    • Da sind wir uns einig, lieber Herr Seibert. Gewinnmitnahmen sind schließlich das Salz in der Börsensuppe. Interessanterweise rät in der Regel aber niemand dazu. Zum Kaufen wird dagegen immer geraten.

  4. Hallo Herr Brichta,
    ich habe schon Interessanteres von Ihnen gelesen.
    Üben Sie derzeit für ein künftiges Veröffentlichen von Horoskopen?
    Das sollte nicht Ihr neues Niveau werden.
    MFG, HR

    • Sie scheinen im falschen Film zu sein, werter Roettger. Ich veröffentliche seit 11 Jahren regelmäßig Jahresprognosen für den DAX, und Sie phantasieren darüber, ob ich jetzt zum Horoskop-Veröffentlicher werden will? Guten Morgen, ausgeschlafen?

      Es handelt sich also nicht um mein neues Niveau, sondern mein altbewährtes. Und bei einer Trefferquote von 73% denke ich auch nicht daran, etwas zu ändern 😉

  5. Hallo Herr Brichta, vielen Dank für Ihren Kommentar. Das letzte Mal hab ich Ihrem „Das war’s“ leider keinen Glauben schenken können und prompt eine ordentliche Performance verpasst. Das war ein Volltreffer von Ihnen! und wie ich rückwirkend gelesen habe, nicht Ihr Erster. Wie Sie auch oft schreiben, trägt jeder seine eigene Verantwortung für das Handeln an der Börse. Das werde ich natürlich auch weiter so handhaben. Ich ärgere mich aber trotzdem, dass ich Ihrer Spürnase nicht gefolgt bin. Das musste jetzt mal gesagt werden, da Sie nach meinem Empfinden viel zu oft „gescholten“ werden. Ich werde jetzt zu Ihrem „follower“ und Ihren zweiten Teil morgen verschlingen. 😉 Danke!

    • Danke für die Blumen, lieber Salvatore 🙂

      Ich sage es aber trotzdem nochmal: Ich möchte nicht, dass Sie als Follower mir blind folgen. Es ist noch niemand darum herum gekommen, sich eigene Gedanken zu machen.

      Aber Sie dürfen sich meine Meinung natürlich gerne anhören 😉

  6. Sehr geehrter Herr Brichta,
    die nächste Krise kommt bestimmt und konfrontiert uns fast wöchentlich in den Medien.Welche Auswirkungen sie jeweils auf die Börsen hat, kann man meistens nicht korrekt beurteilen, da sie eigentlich eher am Tiefpunkt oder in der Nähe davon auftreten und deshalb der Anleger eigentlich Aktienfonds kaufen muss und nicht – wie es vielleicht logisch wäre – zu verkaufen.
    Verkaufen sollte man eher bei Euphorie und vorher stark und schnell gestiegenen Kursen. Ob wir im Frühjahr 2015 diese Euphorie bereits hatten? Ich tendiere eher dazu, dass diese Euphorie und Gier noch stattfindet und es deshalb besser ist als Anleger durchzuhalten und auf diese Euphoriephase zu warten.Diese Phase sollte man dann aber auch zum Verkauf der Bestände an Aktien, Fonds sowie ETF nutzen, denn die Börsen steigen seit dem letzten großen Tiefpunkt im Frühjahr 2009.
    Ihr
    Gottfried Oberwinter
    Pulheim bei Köln

    • Im Prinzip geht an der Aktienanlage doch kein Weg vorbei. Ich bemühe mich in unserem Musterdepot lediglich, die Abschwungphasen nach unten abzufedern. Da ich bis in den März hinein noch mit tendenziell fallenden Kursen rechne, haben wir unsere Gewinne abgesichert, um dann wieder einzusteigen.

      Wer sich die Mühe nicht machen will, braucht das auch nicht zu tun. Dann nimmt man die Abschwünge eben voll mit – und gut ist.

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