Der Krieg gegen den Markt beginnt nicht erst beim Staat
17. April 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »
In der Neue Zürcher Zeitung ist am 17. April 2026 ein Beitrag unter der Überschrift erschienen: „Der Westen führt einen stillen Krieg gegen den Markt. Damit gefährdet er die Basis des eigenen Wohlstands.“
Die zentrale These des Artikels lautet: Der Staat greift immer stärker in die Preisbildung ein, verzerrt damit den Preismechanismus und beschädigt so die marktwirtschaftliche Ordnung.
Daran ist vieles richtig.
Wo Preise gedeckelt, subventioniert, administriert oder politisch in eine gewünschte Richtung gelenkt werden, verliert der Markt einen Teil seiner Steuerungsfunktion. Preise sind in einer Marktwirtschaft nicht bloß Zahlen. Sie bündeln Informationen über Knappheit, Nachfrage, Risiko und Präferenzen. Werden diese Signale verfälscht, entstehen Fehlanreize, Fehlallokationen und neue Abhängigkeiten vom Staat.
So weit, so zutreffend.
Und doch bleibt die Analyse unvollständig.
Denn sie setzt stillschweigend voraus, dass der Markt, dessen Preismechanismus hier verteidigt wird, auf einer neutralen Grundlage ruht. Genau das ist der entscheidende Punkt. Genau das stimmt nicht.
Der Markt ruht nicht auf neutralem Boden.
Preise entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden in Geld ausgedrückt. Doch dieses Geld ist kein neutral vorhandener Maßstab. Es entsteht im heutigen System im Kern durch Kreditvergabe. Vergibt eine Bank einen Kredit, entsteht neues Buchgeld – und zugleich eine entsprechende Schuld.
Das ist kein Nebenaspekt, sondern der Ausgangspunkt.
Denn damit wird erkennbar: Der Preismechanismus, den viele als freien Ausdruck von Angebot und Nachfrage betrachten, wirkt nicht auf neutralem Boden. Er wirkt innerhalb einer Geldordnung, die durch Kredit, Banken und Zentralbanken geprägt ist. Banken schaffen Geld, Zentralbanken bestimmen die monetären Rahmenbedingungen, und in schweren Krisen muss am Ende der Staat stabilisierend eingreifen.
Von einer rein marktwirtschaftlichen Ausgangslage kann also keine Rede sein.
Deshalb greift es zu kurz, die heutigen Verwerfungen allein als Folge staatlicher Eingriffe in Preise zu beschreiben. Diese Eingriffe sind real. Sie sind oft schädlich. Aber sie fallen nicht vom Himmel. Sie treten regelmäßig dort auf, wo sich zuvor Spannungen aufgebaut haben, die politisch nicht mehr ignoriert werden können.
Steigende Mieten, steigende Energiepreise, steigende Vermögenspreise und steigende Lebenshaltungskosten sind eben nicht nur Ergebnisse isolierter Marktprozesse. Sie stehen auch im Zusammenhang mit einer Geldordnung, die auf Kreditexpansion beruht und damit systemischen Druck erzeugt.
Der Staat greift dann ein, weil diese Spannungen gesellschaftlich und politisch sichtbar werden.
Das macht solche Eingriffe nicht richtig.
Aber es macht sie erklärbar.
Gerade deshalb reicht es nicht, nur auf die sichtbare Oberfläche zu schauen. Wer nur den Mietpreisdeckel, den Tankrabatt, die Subvention oder den Zoll kritisiert, kritisiert die Reaktion – nicht notwendig schon die Ursache.
Die eigentliche Frage liegt tiefer:
Auf welchem Fundament entstehen die Preise, die wir dann so leidenschaftlich verteidigen?
Wenn Geld im Kern durch Verschuldung entsteht, wenn Guthabenansprüche durch Zins und Zinseszins wachsen und wenn gerade jene Banken, die das Geld schaffen, im Krisenfall nicht unkontrolliert scheitern dürfen, dann ist die Ordnung, in der Preise entstehen, von Anfang an nicht neutral.
Dann beginnt die Verzerrung nicht erst mit dem politischen Eingriff.
Dann liegt sie tiefer.
2008 hat das sichtbar gemacht. Damals geriet nicht nur ein Teil des Finanzsystems unter Druck. Das System selbst stand am Rand des Zusammenbruchs. Der Interbankenmarkt fror ein, das Vertrauen schwand, und ohne massive Eingriffe der Staaten und Zentralbanken wäre die Ordnung nicht stabil geblieben. Das war kein Randereignis. Das war ein Blick auf die Statik des Gebäudes.
Wer also heute vom Krieg gegen den Markt spricht, sollte präzise sein.
Ja, der Staat kann den Markt beschädigen.
Ja, politische Preismanipulationen richten Schaden an.
Ja, Regierungen neigen dazu, Symptome administrativ zu bekämpfen und dadurch neue Verzerrungen zu erzeugen.
Aber der Markt, den sie dabei beschädigen, ist längst nicht mehr jener neutrale, freie Raum, als den ihn die klassische Theorie gern beschreibt.
Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Nicht erst in der Intervention.
Sondern in der Geldordnung, auf der alles ruht.
Wer den Markt wirklich verteidigen will, darf deshalb nicht erst bei Preisdeckeln, Subventionen und Zöllen beginnen.
Er muss beim Fundament anfangen.
Beim Geld.
