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Deutschlands Wirtschaftsprobleme haben nicht nur eine Ursache

25. Mai 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 5 Kommentare

Wer behauptet, die Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft hätten nur eine einzige Ursache, macht es sich zu einfach.

Die Realität ist deutlich komplexer.

Deutschland wurde in den vergangenen Jahren von mehreren massiven wirtschaftlichen Schocks gleichzeitig getroffen – und viele davon kamen von außen.

Der erste große Einschnitt begann bereits 2018.

Damals leitete US-Präsident Donald Trump eine neue Phase protektionistischer Handelspolitik ein und verhängte Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte. Gleichzeitig drohte er immer wieder mit weiteren Zöllen – insbesondere gegen die europäische und deutsche Automobilindustrie.

Deutschland als exportorientierte Industrienation traf das besonders empfindlich. Die Unsicherheit für Unternehmen stieg deutlich. Lieferketten, Investitionen und internationale Handelsbeziehungen gerieten zunehmend unter Druck.

Natürlich waren diese Zölle nicht allein verantwortlich für die späteren Probleme der deutschen Wirtschaft. Aber sie markierten den Beginn einer Phase wachsender globaler Handelskonflikte, unter denen insbesondere die deutsche Industrie litt.

Dann kam 2022 der nächste Schock:

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Mit dem Krieg explodierten die Energiepreise in Europa – und damit insbesondere in Deutschland.

Russland reduzierte bereits 2022 die Gaslieferungen nach Deutschland massiv und stellte sie später weitgehend ein. Die Folgen waren dramatisch: Energieintensive Industrien gerieten unter enormen Kostendruck. Unternehmen verloren Planungssicherheit. Produktionskosten schossen nach oben.

Doch so einfach wäre es ebenfalls nicht, die Verantwortung ausschließlich nach Moskau zu verschieben.

Denn Deutschland trägt hier auch selbst eine erhebliche Mitverantwortung.

Schon im Kalten Krieg bezog Westdeutschland Energie aus der Sowjetunion – allerdings unter deutlich größerer strategischer Vorsicht als später nach 1990. Die USA standen Energieimporten aus dem sowjetischen Machtbereich grundsätzlich skeptisch gegenüber.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwand dieses strategische Denken jedoch zunehmend. Deutschland machte sich über Jahre immer abhängiger von russischem Gas – in der Hoffnung, wirtschaftliche Verflechtung würde dauerhaft für Stabilität sorgen.

Diese Annahme erwies sich rückblickend als schwerer geopolitischer Irrtum.

Und als wäre das nicht genug gewesen, kam noch ein weiterer Faktor hinzu:

Der massive industriepolitische Aufstieg Chinas.

China unterstützt zahlreiche Schlüsselindustrien seit Jahren mit staatlichen Subventionen, günstigen Krediten und langfristiger Industriepolitik.

Gerade deutsche Kernindustrien – etwa Automobilbau, Solarindustrie, Batterietechnologie, Chemie oder Maschinenbau – stehen dadurch unter enormem Wettbewerbsdruck.

Viele Unternehmen kämpfen heute nicht nur gegen normale Konkurrenz, sondern gegen staatlich unterstützte industrielle Machtpolitik.

Und dann endete auch noch die Ära der Nullzinspolitik.

Jahrelang sorgten extrem niedrige Zinsen dafür, dass sich selbst wirtschaftlich schwache Unternehmen billig refinanzieren konnten. Damals war ständig von sogenannten „Zombieunternehmen“ die Rede.

Heute erleben wir das genaue Gegenteil.

Erst hieß es, die Nullzinspolitik halte ineffiziente Unternehmen künstlich am Leben. Heute sorgt man sich über die Insolvenzwelle nach dem Ende eben dieser Politik.

Das bedeutet nicht, dass jede Insolvenz gerechtfertigt oder jede wirtschaftliche Entwicklung alternativlos wäre.

Aber es zeigt:

Die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft ist das Ergebnis vieler gleichzeitig wirkender Faktoren.

Handelskonflikte.

Geopolitische Fehlentscheidungen.

Explodierende Energiepreise.

Subventionierte Konkurrenz aus China.

Und das abrupte Ende einer historischen Niedrigzinsphase.

Wer die Krise ernsthaft analysieren will, sollte deshalb vorsichtig mit einfachen Schuldzuweisungen sein.

Denn monokausale Analysen klingen oft gut.

Aber meistens erklären sie die Realität nicht wirklich.

5 Kommentare

  1. P.S.

    Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen. Aber zur Wahrheit gehört auch: Wolfgang Schäuble war als Bundesfinanzminister von 2009 bis 2017 stark mit der sogenannten „schwarzen Null“ verbunden. 2014 präsentierte er den ersten Bundeshaushalt ohne neue Schulden seit Jahrzehnten.

    Aus meiner Sicht war das finanzpolitisch zu kurz gedacht. Gerade in einer Phase historisch niedriger oder sogar negativer Zinsen wäre es sinnvoll gewesen, massiv in Deutschlands Infrastruktur zu investieren und sich diese außergewöhnlich günstigen Finanzierungskosten durch langfristige Staatsanleihen auf viele Jahre zu sichern.

    Darüber hinaus hätte Deutschland die Niedrigzinsphase nutzen können, um die Struktur seiner Staatsschulden aktiver zu steuern: höher verzinste und kürzer laufende Bundeswertpapiere zurückkaufen und sich stattdessen über 10-, 20- oder 30-jährige Bundesanleihen langfristig günstiger finanzieren. Natürlich wäre das kein Selbstläufer gewesen, weil solche Rückkäufe ihren Preis haben. Aber genau diese strategische Prüfung hätte aus meiner Sicht zu einer wirklich vorausschauenden Finanzpolitik gehört.

    Stattdessen wurde Haushaltsdisziplin häufig höher gewichtet als Zukunftsinvestitionen. Das war für mich keine besondere finanzpolitische Weitsicht, sondern eine verpasste Chance, deren Folgen Deutschland bis heute spürt.

  2. Ja, es gibt nicht nur eine Ursache.

    Ein paar hundert Milliarden Euro deutsche Steuergelder wurden und werden in die „CO2-Neutralität“ Deutschlands versenkt. Wozu?

    Hunderte Milliarden Euro Steuergelder wurden bereits in die Aufnahme von Millionen Armutsmigranten ausgegeben. Wozu?

    (Daraus resultierende) Steuererhöhungen sind wirtschaftsfeindlich.

    Btw: Welches Land lässt sich die eigene Energieinfrastruktur weg sprengen?

    Der entscheidende Punkt: Wer die eigenen Interessen – konkret: die der eigenen arbeitenden Bevölkerung und die der eigenen Industrie – nicht vehement verteidigt, geht unter.

    Seit Jahrtausenden gilt:
    Sieger sind stark und dominieren, Verlierer ducken sich weg und werden ersetzt.

    • Sie sprechen wichtige Punkte an: Deutschland muss seine eigenen Interessen viel entschlossener vertreten – insbesondere die Interessen der arbeitenden Bevölkerung und der industriellen Basis.

      Aber genau deshalb sollten wir sauber trennen:

      Ja, Deutschland hat hausgemachte Probleme:
      zu hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, hohe Abgaben, langsame Verfahren und strategische Fehlentscheidungen.

      Ja, auch die Kosten von Transformation, Migration und Sozialstaat müssen ehrlich diskutiert werden.

      Aber die Krise nur darauf zu reduzieren, greift zu kurz.

      Deutschland wurde zusätzlich von massiven externen Schocks getroffen: Handelskonflikte, russischer Energiekrieg, chinesische Industriepolitik und steigende Zinsen.

      Bei Nord Stream wäre ich mit endgültigen Urteilen vorsichtig. Die Sprengung war Sabotage, aber die politische und strafrechtliche Verantwortung ist bis heute nicht abschließend geklärt.

      Der entscheidende Punkt bleibt:
      Wirtschaftliche Stärke entsteht nicht allein durch gute Absichten, sondern durch wettbewerbsfähige Industrie, sichere Energieversorgung und strategisches Denken.

  3. „Der entscheidende Punkt bleibt:
    Wirtschaftliche Stärke (…)“

    Vollste Zustimmung.

    Wichtig im Gesamtkontext: Wesentliche Entscheidungen, insbesondere (geo)strategischer Art, werden nicht in Berlin getroffen.

    Da haben „andere“ das Sagen.

    Dessen sollte man sich bewusst sein.

    Der Abstieg Deutschlands – und damit insbesondere das erfolgreiche Modell der sozialen Marktwirtschaft (!), der nachhaltigsten / ökologischsten Fabriken weltweit, sorgt auch für bestimmte Gewinner…

    • Da ist viel Wahres dran.

      Deutschland entscheidet nicht im luftleeren Raum. Wir sind eingebunden in EU, NATO, Weltmärkte, Lieferketten, Energieabhängigkeiten und geopolitische Machtverschiebungen.

      Aber gerade deshalb wäre strategisches Denken so wichtig.

      Ich wäre nur vorsichtig mit der Vorstellung, Deutschland sei bloß fremdgesteuert. Viele zentrale Fehlentscheidungen wurden durchaus in Deutschland selbst getroffen: Energieabhängigkeit, Bürokratie, langsame Digitalisierung, hohe Standortkosten und die Unterschätzung geopolitischer Risiken.

      Richtig ist aber:
      Wenn ein starker Industriestandort schwächer wird, profitieren andere Standorte davon.

      Deshalb geht es nicht um Opferdenken, sondern um Interessenpolitik.

      Deutschland muss wieder lernen, seine industrielle Basis, seine soziale Marktwirtschaft und seine technologische Stärke strategisch zu verteidigen.

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