Wie qualifiziert sind unsere Journalisten eigentlich?
17. August 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »
Ulrich Siegmund ist der „gefährlichste Mann Deutschlands“.
Das behauptet jedenfalls der SPIEGEL auf seinem aktuellen Titel.
Und dieser Titel lässt mich über eine ganz andere Frage nachdenken:
Wie gut müssen Journalisten ihren Beruf eigentlich beherrschen?
Bevor jetzt jemand die politische Schublade öffnet: Es geht mir nicht darum, Ulrich Siegmund oder die AfD zu verteidigen.
Der SPIEGEL hat über Siegmunds politisches Umfeld Dinge zusammengetragen, über die berichtet werden muss: Mitarbeiter mit Vergangenheit in der inzwischen verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend, radikale politische Forderungen und einen Landesverband, den der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch einstuft.
Das ist Journalismus.
Aber dann kommt der Titel:
„Der gefährlichste Mann Deutschlands.“
Wirklich?
Nach welchem überprüfbaren Maßstab?
Gefährlicher als Terroristen? Gefährlicher als organisierte Kriminelle? Gefährlicher als alle anderen Extremisten im Land?
Natürlich ist ein Titel eine Zuspitzung.
Aber ein Superlativ beansprucht mehr. Wer jemanden zum gefährlichsten Mann Deutschlands erklärt, sollte erklären können, woran er diese Behauptung misst.
Genau das leistet der Artikel nicht.
SPIEGEL-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat die Formulierung inzwischen verteidigt: Siegmund sei „aus Sicht liberaler Demokraten“ aktuell der gefährlichste Mann Deutschlands.
Nur: Auf dem Titel steht diese entscheidende Einschränkung nicht.
Dort wird aus einer politischen Bewertung eine scheinbar objektive Feststellung.
Und genau hier wird aus Einordnung Inszenierung.
Besonders bemerkenswert ist, was danach passiert.
Siegmund nennt das Cover „sehr gute Werbung“, verbreitet es selbst und signiert Exemplare.
Der SPIEGEL will vor ihm warnen – und produziert ein Bild, das der Gewarnte begeistert für seinen eigenen Wahlkampf nutzt.
Noch erstaunlicher: Im Artikel selbst schreiben die Autoren, die jahrelangen Warnungen vor der AfD seien „stumpf geworden“.
Und was macht der SPIEGEL?
Er verschärft die Warnung zum größtmöglichen Superlativ.
Vielleicht liegt hier ein grundsätzliches Problem.
Journalismus soll recherchieren, überprüfen, widersprechen, einordnen. Gerade bei einer Partei wie der AfD muss er das.
Aber er sollte dem Leser nicht die eigene Bewertung als überprüfbare Tatsache verkaufen.
Denn wer zwischen Nachricht, Analyse und Meinung nicht mehr sauber trennt, beschädigt am Ende genau das, worauf Journalismus angewiesen ist:
Glaubwürdigkeit.
Wir reden ständig über die Qualifikation unserer Politiker. Nach diesem SPIEGEL-Titel sollten wir dringend auch über die Qualifikation derjenigen reden, die sie beurteilen.
