Künstliche Intelligenz ist noch immer keine Intelligenz
3. September 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »
Im April habe ich an dieser Stelle eine ziemlich unpopuläre These vertreten: Künstliche Intelligenz ist keine Intelligenz.
Nicht, weil die Technologie nichts kann. Im Gegenteil. Sie wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Sondern weil wir ihr mit dem Wort „Intelligenz“ etwas zuschreiben, was sie nicht besitzt.
Knapp fünf Monate später liefert ausgerechnet OpenAI selbst ein bemerkenswertes Argument dafür.
Das Unternehmen hat sein neues KI-Modell „Astra“ vorgestellt. OpenAI-Präsident Greg Brockman spricht laut NZZ von einem „gewaltigen Sprung in den Fähigkeiten“ und deutet sogar an, das Modell habe die Schwelle zur künstlichen allgemeinen Intelligenz – AGI – erreicht.
Das wäre eine gewaltige Nachricht.
AGI ist schließlich die große Verheißung der KI-Industrie: eine Maschine, die nicht mehr nur einzelne Aufgaben erledigt, sondern intellektuelle Fähigkeiten besitzt, die mit denen des Menschen vergleichbar sind.
Doch dann kommt der entscheidende Satz.
Brockman räumt ein, AGI sei heute eher ein „Missions- oder spirituelles Konzept“ als ein klar definierter technischer Meilenstein.
Man muss sich diesen Widerspruch einmal klarmachen.
Da wird angedeutet, ein technologischer Menschheitstraum könnte erreicht sein – und gleichzeitig eingeräumt, dass gar nicht klar definiert ist, wann von AGI überhaupt gesprochen werden kann.
Genau darin liegt das Problem des gegenwärtigen KI-Booms.
Wir erleben enorme technische Fortschritte. Die Modelle werden leistungsfähiger, schneller und vielseitiger. Aber aus immer besserer Datenverarbeitung wird nicht automatisch menschliche Intelligenz. Und aus immer beeindruckenderen Fähigkeiten folgt noch lange kein Bewusstsein, kein Verständnis und kein eigenes Denken.
Im April habe ich deshalb geschrieben: „Das Problem ist nicht die Technologie. Das Problem ist die Erwartung.“
Heute kommt noch etwas hinzu: der Preis dieser Erwartung.
OpenAI wird laut NZZ inzwischen mit 852 Milliarden Dollar bewertet. Der Konkurrent Anthropic vor seinem geplanten Börsengang sogar mit bis zu 965 Milliarden Dollar.
Fast eine Billion Dollar für ein einzelnes KI-Unternehmen.
Natürlich können solche Bewertungen irgendwann gerechtfertigt sein. KI kann enorme Produktivitätsgewinne schaffen und ganze Branchen verändern.
Aber je höher die Bewertungen steigen, desto größer wird die Fallhöhe zwischen technologischem Fortschritt und den Erwartungen, die Kapitalmärkte bereits heute einpreisen.
Auch dazu habe ich im April geschrieben: „Das Risiko liegt nicht in der Technologie. Sondern im Preis, den man dafür bezahlt.“
Fünf Monate später würde ich daran kein Wort ändern.
