Wann muss Kevin Warsh die Notenpresse wieder anwerfen?
28. September 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 2 Kommentare
5,237 Prozent.
So hoch rentiert die zehnjährige US-Staatsanleihe inzwischen. Noch ist das keine Finanzkrise. Aber je höher die Renditen steigen, desto interessanter wird der Mann an der Spitze der mächtigsten Notenbank der Welt: Kevin Warsh.
Denn Warsh kennt den Ernstfall.
Während der Finanzkrise saß er bereits im Board der Federal Reserve. Im März 2009 stimmte er für massive Wertpapierkäufe: bis zu 300 Milliarden Dollar länger laufende US-Staatsanleihen und insgesamt bis zu 1,25 Billionen Dollar hypothekenbesicherte Wertpapiere.
Warsh war also nie ein grundsätzlicher Gegner von Anleihekäufen.
Und doch warnte er schon 2010 vor deren Folgen. Jede weitere Ausweitung der Fed-Bilanz müsse streng geprüft werden. Er nannte Marktverzerrungen, die Verdrängung privater Käufer und vor allem die Gefahr, den Eindruck zu erwecken, die Notenbank monetarisiere Staatsschulden.
Interessant: Nur wenige Monate später stimmte Warsh trotzdem für QE2 – weitere 600 Milliarden Dollar Käufe länger laufender US-Staatsanleihen.
Dieser scheinbare Widerspruch könnte jetzt wieder wichtig werden.
Denn Warsh betont heute erneut, wie wichtig möglichst unverfälschte Marktsignale sind. Ausdrücklich nennt er dabei Preise und Handelsvolumina von Treasuries. Unkonventionelle Geldpolitik hält er für ein Instrument echter Krisen – ansonsten soll sie möglichst nicht eingesetzt werden.
Und der amerikanische Anleihemarkt sendet gerade ein unübersehbares Signal.
5,237 Prozent.
Solange Anleger wegen Inflation, Staatsverschuldung und anderer Risiken höhere Renditen verlangen, spricht Warshs eigene Logik gegen einen Eingriff. Würde die Fed Staatsanleihen kaufen, nur um die Renditen nach unten zu drücken, käme sie genau in die Nähe dessen, wovor Warsh bereits 2010 warnte: der Monetarisierung von Staatsschulden.
Aber was passiert, wenn die Renditen weiter steigen?
Wenn die Liquidität im Treasury-Markt einbricht? Wenn Finanzierungsmärkte unter Stress geraten? Wenn aus einem Preissignal eine echte Funktionsstörung wird?
Dann ändert sich die Lage.
Denn Warsh hat bereits gezeigt, dass er in einer Krise bereit ist, seine Skepsis gegenüber einer wachsenden Notenbankbilanz zurückzustellen.
Ausgerechnet Kevin Warsh könnte deshalb irgendwann wieder vor derselben Grundfrage stehen:
Lässt die Federal Reserve den Markt seinen Preis finden – oder greift sie ein?
Noch sind 5,237 Prozent kein Grund für QE.
Aber der Anleihemarkt könnte Warsh irgendwann zwingen, wieder über genau das Instrument nachzudenken, vor dessen Folgen er seit 2010 warnt.
Oder anders gesagt: Ohne Schulden würde unserem heutigen Geldsystem ein Großteil des Geldes fehlen. Rund 90 Prozent des Geldes, das wir im Alltag nutzen, ist Buchgeld. Dieses wird zu einem großen Teil von Geschäftsbanken geschaffen – vor allem bei der Kreditvergabe. Denn Banken schaffen mit der Vergabe von Krediten neues Geld. Würden alle Bankkredite zurückgezahlt, würde deshalb ein erheblicher Teil des heute vorhandenen Geldes verschwinden.
Ohne ausreichend Geld kann aber unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Bricht der Geldkreislauf zusammen, bricht auch unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zusammen.
Genau deshalb können dauerhaft hohe Zinsen zum Problem werden: Kredite werden immer teurer, weniger neue Kredite werden aufgenommen – und damit wird auch weniger neues Buchgeld geschaffen. Gerät dadurch Wirtschaft und Finanzsystem ernsthaft unter Druck, kann die Notenbank mit QE gegensteuern: Sie kauft Anleihen und schafft dafür neues Zentralbankgeld.

Mit steigenden Renditen für die US Staatsanleihen werden diese für Investoren attraktiver – und finden somit sukzessive immer mehr Abnehmer.
Ist doch herrlich über 5% zu kassieren.
Vor nicht allzu langer Zeit hieß es, dass wir mehr als drei Prozent nicht mehr sehen werden wegen den hohen Staatsverschuldungen.
Frankreich muss bald ebenfalls fünf Prozent zahlen, und Deutschland ist bald bei vier Prozent…
Genau darin liegt das Spannungsfeld: Für den Käufer sind mehr als fünf Prozent attraktiv. Für den Schuldner USA werden sie teuer. Entscheidend ist also nicht, ob sich bei 5,2 Prozent Käufer finden – natürlich finden sie sich. Die Frage ist, welche Renditen die USA künftig bieten müssen, damit Investoren die immer größeren Schuldenmengen aufnehmen.
Steigen die Renditen weiter, erhöhen sich mit neuen Emissionen und der Refinanzierung fälliger Schulden nach und nach auch die Zinskosten des Staates. Und genau dann wird es spannend: Wie lange kann dieser Prozess weitergehen, bevor die hohen Renditen Wirtschaft und Finanzsystem so stark belasten, dass die Fed reagieren muss?