Warum Banken nicht pleitegehen dürfen
5. November 2025 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »
Die Frage, warum Banken nicht einfach bankrottgehen können wie andere Unternehmen, berührt einen der tiefsten Widersprüche unserer Wirtschaftsordnung. Und ihre Auflösung ist alles andere als offensichtlich – aber genau das macht sie so interessant.
Die Pleite als reinigendes Prinzip
In einer freien Marktwirtschaft gilt eigentlich ein klares Prinzip: Wer dauerhaft unwirtschaftlich arbeitet, verschwindet vom Markt.
So hart eine Insolvenz im Einzelfall auch ist – sie ist Teil eines notwendigen Selbstreinigungsprozesses.
Er sorgt dafür, dass Kapital, Arbeitskraft und Ideen dorthin fließen, wo sie produktiv eingesetzt werden können.
Doch dieses Prinzip scheint an einer Stelle außer Kraft gesetzt zu sein – bei den Banken.
Banken als Sonderfall
Banken sind keine gewöhnlichen Unternehmen. Sie sind die Zentralorgane der Geldordnung.
Ohne sie fließt nichts – im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn Banken schaffen das, was sie verleihen, selbst: das Geld.
Wie ich in meinem Beitrag „Es droht eine Blase des gesamten Finanzsystems“ beschrieben habe, entsteht neues Geld durch die Vergabe von Krediten.
Banken verleihen dabei nicht das Geld der Sparer – sie schöpfen neues Geld in dem Moment, in dem sie Kredite vergeben.
Unser Geldsystem besteht damit fast vollständig aus Schulden. Ohne neue Kredite gäbe es kaum Geld im Umlauf. Die Deutsche Bundesbank bezeichnet diesen Vorgang treffend als „Geldschöpfung“.
Eine Erkenntnis mit Sprengkraft
Diese einfache, aber tiefgreifende Einsicht stellt vieles auf den Kopf: Wenn Geld durch Kreditvergabe entsteht, dann hängt die Existenz des gesamten Geldes von der Stabilität der Banken ab.
Denn sie haben nicht nur das Vorrecht, neues Geld zu schöpfen – sie verwahren auch das bereits existierende Geld auf den Konten der Sparer.
Geht eine Bank insolvent, wird dieses Buchgeld vernichtet.
Und genau deshalb dürfen Banken – systembedingt – nicht pleitegehen.
Ein solcher Zusammenbruch würde nicht nur die Bank selbst, sondern das Vertrauen in die gesamte Geldordnung erschüttern.
Zwei Wege, Geld zu vernichten
In der heutigen Geldordnung gibt es nur zwei Mechanismen, durch die Geld wieder verschwindet:
1. durch die Rückzahlung von Krediten
2. durch die Insolvenz von Banken
Beides führt zur Geldvernichtung – aber mit völlig unterschiedlicher Wirkung.
Während die Rückzahlung von Krediten das System stabilisiert, würde die Insolvenz einer Bank das Vertrauen der Menschen zerstören und die Wirtschaft ins Chaos stürzen.
Ein Widerspruch im System
Genau hier zeigt sich der eigentliche Widerspruch:
Ein System, das auf Wettbewerb und Scheitern basiert, erlaubt ausgerechnet den zentralen Akteuren – den Banken – nicht zu scheitern.
Das ist, ökonomisch betrachtet, eine paradoxe Konstruktion. Denn wenn eine Marktordnung Teilnehmer hervorbringt, die nicht nach denselben Regeln spielen müssen, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.
Und genau deshalb ist es so wichtig, diesen Mechanismus zu verstehen.
Er erklärt nicht nur, warum Banken nicht pleitegehen dürfen, sondern auch, warum unsere Finanzordnung so verletzlich ist.
Was meinen Sie dazu?
Ist das Prinzip „Too big to fail“ ein notwendiges Übel – oder das Symptom eines Systems, das seine innere Logik verloren hat?
