WARUM UNSERE GELDORDNUNG NICHT NACHHALTIG IST
6. Februar 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 2 Kommentare
Eine Analyse im Feynman’schen Sinne
Prolog: Warum Feynman? Und warum jetzt?
Richard Feynman, Physik-Nobelpreisträger und einer der brillantesten Denker des 20. Jahrhunderts, lehrte uns eine einfache Methode, die Wahrheit zu finden:
“Have no respect whatsoever for authority; forget who said it and ask yourself, ‘Is it reasonable?’”
Gerade bei Geld ist das wichtig.
Denn hier dominieren Autoritäten: Zentralbanken, Ökonomen, Institute und Regierungen. Sie sprechen mit Gewissheit. Ihre Modelle wirken wissenschaftlich. Ihre Analysen sind detailreich.
Aber erfüllen sie Feynmans Kriterium?
Feynman sagte: “Science is the belief in the ignorance of experts.”
Echte Wissenschaft erfordert Zweifel – auch und gerade an Experten. Nicht, weil Experten dumm wären, sondern weil sie irren können.
Und er warnte uns vor der größten Gefahr:
“The first principle is that you must not fool yourself—and you are the easiest person to fool.”
Wir halten die Geldordnung für normal, weil sie seit Jahrzehnten existiert.
Weil wir damit aufgewachsen sind.
Weil alle sie akzeptieren.
Aber ist das ein Beweis für ihre Nachhaltigkeit?
Oder ist es Selbsttäuschung?
Feynman warnte auch vor „Cargo-Cult Science“ – vor Wissenschaft, die nur die Form kopiert, aber nicht den Geist. Man kann Modelle bauen, Kennzahlen präsentieren, Expertenpanels einberufen. Alles sieht aus wie Wissenschaft. Doch die entscheidende Frage bleibt: Ist es widerlegbar? Was würde die Theorie falsifizieren?
Feynmans Regel war glasklar:
“It doesn’t matter how beautiful your theory is, it doesn’t matter how smart you are. If it disagrees with experiment, it’s wrong.”
Können wir Feynmans Prinzipien auf die Geldordnung anwenden?
Feynman war Physiker. Aber seine Prinzipien sind nicht auf die Physik beschränkt. Sie handeln davon, wie wir Wahrheit erkennen – in jedem Gebiet.
In der Geldordnung haben wir keine Laborexperimente. Aber wir haben etwas anderes: Geschichte. Wir können beobachten, was tatsächlich geschieht. Wir können Vorhersagen mit der Realität abgleichen.
Das ist unser „Experiment“.
Warum ist das wichtig – gerade jetzt?
Weil 2008 gezeigt hat, wie nah das System in einer Stressphase an einen Systembruch herankommen kann. Das System stand am Rand des Zusammenbruchs. Es konnte gerettet werden – aber nur durch massive Interventionen.
Seit 2008 sind die Schulden weiter stark gewachsen. Das Problem wurde nicht gelöst, sondern vertagt.
Es ist nicht sicher, dass das beim nächsten Mal wieder gelingt.
Das betrifft jeden – ob Sparer, Kreditnehmer, Unternehmer oder Arbeitnehmer. Denn wenn die Geldordnung kollabiert, verlieren nicht nur einige wenige. Es betrifft uns alle.
Was wir also tun werden:
Vergessen wir, was Zentralbanken sagen.
Vergessen wir, was in Lehrbüchern steht.
Vergessen wir, was die Mehrheit glaubt.
Schauen wir auf die Logik.
Schauen wir auf die Mechanismen.
Schauen wir auf die Realität.
Ist es reasonable?
Kapitel 1: Wie Geld wirklich entsteht
Banken verleihen das Geld ihrer Kunden nicht, wie viele Menschen annehmen.
Sie haben das Vorrecht, Geld zu schaffen und das geschaffene Geld anschließend an ihre Kunden zu verleihen. Die Deutsche Bundesbank bezeichnet diesen Vorgang als „Geldschöpfung“.
Vergibt eine Bank einen Kredit, schreibt sie dem Kreditnehmer den Betrag auf dessen Konto gut. In diesem Moment entsteht neues Geld – Buchgeld.
Auf der anderen Seite der Bilanz steht die Forderung der Bank gegenüber dem Kreditnehmer. Jeder Euro, der so entsteht, ist gleichzeitig eine Schuld.
Geld und Schuld sind zwei Seiten derselben Medaille.
Unser Geldsystem besteht damit fast vollständig aus Schulden.
Ohne Schulden gäbe es kaum Buchgeld im Umlauf.
Solange Geld als Guthaben gehalten und nicht ausgegeben wird, erfüllt es seine Zahlungsfunktion in diesem Zeitraum nicht. Es verbleibt in seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel.
Zahlungsverpflichtungen in einer Volkswirtschaft sind jedoch zeitlich fixiert und laufen kontinuierlich weiter:
Löhne, Mieten, Kredite, Zinsen auf Kredite, Steuern.
Entsteht ein Zeitraum, in dem ein wachsender Teil der Geldmenge gehalten wird, während Zahlungen gleichzeitig fällig werden, entsteht ein synchroner Engpass im Zahlungsstrom.
Dieser Engpass ist kein Mengenproblem im Sinne eines fehlenden Geldbestands, sondern ein zeitliches: Das Geld existiert, steht aber im Zahlungsstrom des relevanten Zeitraums nicht zur Begleichung der Verpflichtungen zur Verfügung.
Die Folge ist systemischer Druck, zusätzliches Geld in den Umlauf zu bringen – im Kern durch neue Kreditaufnahme –, um die laufenden Zahlungen bedienen zu können.
Kapitel 2: Das exponentielle Problem
In einem Schuldgeldsystem entsteht neues Geld im Kern durch neue Kredite.
Der Guthabenzins belohnt bereits durch seine bloße Existenz das Zurückhalten von Geld und animiert damit systemisch zur Wertaufbewahrung.
Entscheidend ist dabei nicht nur dieser Anreiz zur Wertaufbewahrung, sondern vor allem der Zinseszins-Effekt auf Guthaben: Der Zins auf den Guthabenzins lässt Guthabenansprüche bei Wiederanlage mathematisch exponentiell wachsen.
Guthabenzinsen erzeugen zusätzliche Zahlungsansprüche.
Werden sie dem Guthaben zugeschlagen, wachsen diese Ansprüche durch den Zinseszins-Effekt mathematisch exponentiell.
Damit diese Ansprüche bedient werden können, muss zusätzliches Geld in den Umlauf gebracht werden. In einem Schuldgeldsystem geschieht dies im Kern durch neue Kreditaufnahme.
Systemisch entsteht dadurch ein struktureller Druck: Wachsen Guthabenansprüche schneller als der verfügbare Zahlungsstrom, entsteht ein wachsender Finanzierungsbedarf. Da Guthaben per Definition Ansprüche darstellen, die nur durch Zahlungen erfüllt werden können, muss zusätzliches Geld in den Umlauf gebracht werden – im Kern über neue Verschuldung oder, wenn dies nicht mehr gelingt, über Ausfälle, Restrukturierungen oder Entwertung.
Langfristig ist das nicht haltbar.
Ein Schneeballsystem im Mantel der Geldordnung – nicht durch böse Absicht, sondern durch seine mathematische Konstruktion.
Kapitel 3: Warum Banken nicht pleite gehen dürfen
In einer freien Marktwirtschaft gilt eigentlich ein klares Prinzip: Wer dauerhaft unwirtschaftlich arbeitet, verschwindet vom Markt.
Insolvenz ist Teil eines notwendigen Selbstreinigungsprozesses.
Doch dieses Prinzip ist bei Banken außer Kraft gesetzt.
Banken sind keine gewöhnlichen Unternehmen. Sie sind die Zentralorgane der Geldordnung. Ohne sie fließt nichts – im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn Banken schaffen das, was sie verleihen, selbst: Geld.
Wenn Geld als Buchgeld existiert, hängt seine Existenz an der Stabilität der Banken.
Geht eine Bank insolvent, wird dieses Buchgeld vernichtet.
Es gibt zwei zentrale Wege, Geld zu vernichten:
durch die Rückzahlung von Krediten oder durch die Insolvenz von Banken.
Die Rückzahlung von Krediten ist ein geordneter Prozess. Sie vernichtet Geld, schafft aber Raum für neue Kredite.
Eine ungeordnete Bankeninsolvenz würde zwar buchhalterisch Ansprüche und Geldmenge reduzieren. Ökonomisch wäre sie jedoch hochdestabilisierend, weil sie Vertrauen und Zahlungsverkehr zerstört.
Da die bestehende Geldordnung entscheidend auf Vertrauen beruht, ist sie gegenüber dieser Form der „Bereinigung“ nicht tragfähig.
Ein System, das auf Wettbewerb basiert, erlaubt seinen zentralen Akteuren nicht zu scheitern. Das ist eine paradoxe Konstruktion – und macht die Geldordnung strukturell verletzlich.
Kapitel 4: Die Spätphase – 2008 als Warnung
Die Finanzkrise von 2008 war kein gewöhnlicher Konjunktureinbruch. Sie war ein Beinahe-Kollaps der gesamten Geldordnung.
Der Interbankenmarkt stand still. Vertrauen brach zunächst unter den Banken weg und drohte anschließend auf die Bevölkerung überzugreifen.
In Deutschland erklärten Angela Merkel und Peer Steinbrück öffentlich, die Einlagen der Sparer seien sicher.
Diese Garantie konnte nur als psychologisches Signal wirken. Wäre die Geldordnung selbst kollabiert, hätte auch der Staat sie nicht glaubwürdig einlösen können.
2008 zeigte: Das System kann nur durch massive Interventionen stabilisiert werden.
Doch diese Interventionen lösten das strukturelle Problem nicht. Sie vertagten es.
Kapitel 5: Reality-Check
Feynman lehrte uns: Entscheidend ist die Realität.
Was beobachten wir?
Geld entsteht im Kern durch Verschuldung.
Guthabenansprüche wachsen bei Zinseszins exponentiell.
Banken dürfen nicht pleite gehen, ohne das System zu gefährden.
2008 stand das System kurz vor dem Zusammenbruch.
Seitdem wachsen die Schulden weiter.
Stresstests werden durchgeführt – innerhalb von Annahmen und Szenarien, die systemisch akzeptabel bleiben müssen und deshalb keine existenzielle Infragestellung des Systems erzwingen.
Modelle erklären Krisen nachträglich, ohne sie vorherzusagen.
Die Form wissenschaftlicher Analyse ist vorhanden. Der Geist fehlt.
Kapitel 6: Selbsttäuschung – Das Beispiel Issing
Selbst hochrangige Experten verkennen die Natur des Problems.
Otmar Issing sagte:
„Ohne echten Sinneswandel in der Finanzpolitik steuert man längerfristig auf einen Schuldenschnitt zu.“
Das verkennt den Kern: Nicht fehlender politischer Wille ist das Problem, sondern die Konstruktion der Geldordnung selbst.
Das ist keine moralische Frage. Es ist eine mathematische.
Ein Sinneswandel in der Finanzpolitik kann das exponentielle Problem nicht lösen.
Das ist Cargo-Cult-Denken: Die Form wird perfektioniert, der Geist bleibt unberührt.
Fazit
Die bestehende Geldordnung ist nicht nachhaltig.
Nicht wegen böser Akteure, sondern wegen ihrer inneren Mechanismen.
Geld entsteht durch Verschuldung.
Guthaben wachsen durch Zinseszins exponentiell.
Banken dürfen nicht pleite gehen.
Das System ist auf Vertrauen angewiesen.
2008 zeigte, wie fragil diese Konstruktion ist.
Die Frage ist nicht, ob dieses System an Grenzen stößt – sondern wann.
“Have no respect whatsoever for authority; forget who said it and ask yourself, ‘Is it reasonable?’”

Lieber Anton,
eine sehr interessante Analyse über Währungen und deren Endlichkeit.
Allerdings gibt es auch Beispiele, Dollar, Britisches Pfund und andere, die über Jahrhunderte existieren. Wenn auch mit ständigen inflationären Wertverlusten.
Beste Grüße von Claus
Lieber Claus,
vielen Dank für den Kommentar und die aufmerksame Lektüre.
Du hast recht: Dollar und Britisches Pfund existieren formal seit sehr langer Zeit. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese „Langlebigkeit“ oft durch Regeländerungen erkauft wurde – nicht durch stabile Kontinuität.
Beim Dollar ist 1971 ein gutes Beispiel: Mit dem Ende der Goldkonvertibilität wurde nicht die Währung „abgeschafft“, aber der Anker der Geldordnung wurde geändert. Der Dollar war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in Gold einlösbar – die Bindung wurde aufgehoben, die Spielregel wechselte von einem externen Maßstab (Gold) zu einem System, das in seiner Funktionsfähigkeit primär auf Vertrauen, Steuerfähigkeit und institutioneller Stabilisierung beruht.
Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig:
Eine Währung kann über Jahrzehnte oder Jahrhunderte weiter den gleichen Namen tragen – und trotzdem kann sich ihre ökonomische Substanz durch Inflation, Entwertung oder Regelwechsel tiefgreifend verändern. In diesem Sinn ist „Existenz“ nicht gleichbedeutend mit „Nachhaltigkeit“.
Danke für den Hinweis – er schärft den Punkt, dass Geldordnungen häufig nicht dadurch „überleben“, dass sie stabil sind, sondern dadurch, dass sie sich im Zweifel umbauen.
Beste Grüße
Anton