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Zu viele Meinungen, zu wenig Denken

3. Januar 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »

Immer häufiger hört man Klagen über eine angeblich fehlende Meinungsfreiheit – vorgetragen von ganz unterschiedlichen Personen, oft mit großer Gewissheit. Blickt man jedoch auf Plattformen wie YouTube, lässt sich diese Behauptung kaum aufrechterhalten. Meinungen werden dort nicht unterdrückt – sie sind allgegenwärtig. Jeder kann seine Einschätzungen äußern, qualifizierte ebenso wie völlig unqualifizierte. Und nicht selten in einem Ton, der erschreckender ist als der inhaltliche Mangel mancher Beiträge.

Das Problem liegt daher nicht in zu wenigen Meinungen oder in eingeschränkter Meinungsfreiheit. Das Problem ist ein anderes: Es gibt zu wenige gute Beiträge. An Meinungen mangelt es nicht.

Eine Gesellschaft sollte sich nicht an der bloßen Quantität von Wortmeldungen messen lassen, sondern an der Qualität der Argumente, die den gemeinsamen Diskurs tatsächlich voranbringen. Hannah Arendt hat immer wieder betont, dass öffentliches Urteilen mehr verlangt als das bloße Äußern einer Meinung. Urteilskraft setzt Denken voraus – das Abwägen, Unterscheiden und Verantworten dessen, was man sagt.

Neil Postman ging noch einen Schritt weiter und beschrieb das mediale Umfeld, in dem genau diese Urteilskraft erodiert: Nicht Zensur sei die Gefahr moderner Gesellschaften, sondern Bedeutungslosigkeit – eine permanente Reiz- und Meinungsflut, in der alles gesagt werden darf, aber kaum noch etwas Gewicht hat. Wir werden nicht zum Schweigen gebracht – wir werden zugelärmt.

Selbstverständlich darf in einer freien Gesellschaft auch jeder Trottel seine Meinung äußern. Daran herrscht kein Mangel. Bedauerlich ist nur, dass dieses Muster auch bei Qualitätsmedien zu beobachten ist.

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