Deutschland hat sich kaputtgespart
10. August 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 2 Kommentare
In meiner letzten Kolumne habe ich erklärt, warum unser Geldsystem ohne neue Schulden nicht funktioniert.
Aber die deutsche Liebe zum Sparen hat noch eine zweite Seite.
Wir können sie inzwischen besichtigen.
Auf unseren Straßen. In unseren Schulen. Auf unseren Schienen. Bei der Bundeswehr. In unseren Rathäusern.
Deutschland hat über Jahre eine finanzpolitische Tugend gefeiert: die schwarze Null.
Angela Merkel bemühte immer wieder das Bild der schwäbischen Hausfrau. Unter Finanzminister Wolfgang Schäuble erreichte der Bund 2014 erstmals seit 1969 einen ausgeglichenen Haushalt.
Deutschland war stolz.
Heute bekommen wir die Rechnung.
Der von den Kommunen wahrgenommene Investitionsrückstand beträgt inzwischen 231,2 Milliarden Euro. Allein bei Schulen sind es 68,9 Milliarden, bei Straßen und Verkehrsinfrastruktur 53,7 Milliarden Euro.
Bei der Bahn sieht es nicht besser aus: Der Erneuerungsbedarf für Anlagen mit schlechten, mangelhaften oder einschränkenden Zustandsnoten liegt bei rund 106 Milliarden Euro.
Und für eine Bundeswehr mit erheblichen Fähigkeitslücken brauchte es nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ein kreditfinanziertes Sondervermögen von 100 Milliarden Euro.
Was ist daran solide?
Wir haben den Haushalt geschont und die Substanz verschlissen.
Natürlich ist nicht jede kaputte Brücke Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble anzulasten. Bürokratie, Fehlplanung, demografischer Wandel und falsche politische Prioritäten gehören ebenfalls zur Wahrheit.
Aber eines lässt sich nicht wegdiskutieren: Die Fixierung auf die schwarze Null hat Deutschlands Investitionsstau verschärft.
Die schwarze Null sah auf dem Papier hervorragend aus.
Deutschland immer schlechter.
Heute mobilisiert der Staat Hunderte Milliarden Euro über neue Kredite für Infrastruktur und Verteidigung – in Bereichen, in denen sich über Jahre gewaltiger Nachholbedarf aufgebaut hat. Das 2025 beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur umfasst allein 500 Milliarden Euro.
Die schwarze Null hat uns nichts erspart.
Sie hat die Rechnung nur auf später verschoben.
Und jetzt zahlen wir sie.
Vielleicht sollten wir deshalb endlich mit einem deutschen Glaubenssatz aufräumen:
Sparen ist nicht automatisch solide.
Man kann sich auch kaputtsparen.

Sie bemängeln einen Investitionsrückstand, nicht zu Unrecht
Wissen Sie, wie miserabel Projekte im öffentlichen Dienst laufen? Welche horrenden Verschwendungen von UNSEREN Steuergeldern dort Gang und Gäbe sind?
Stuttgart21, Berlin Flughafen, die Bahn etc… diverse Digitalisierungsversuche.
Im öffentlichen Dienst ist leider häufig Inkompetenz und Faulheit anzutreffen. Manch einer dort nennt sich promovierter Ingenieur und trägt einen Titel, bringt aber in der Praxis nichts auf die Reihe. Er hat aber einen sicheren Job, weil beim Staat angestellt und vom STEUERZAHLER bezahlt. In der Privatwirtschaft werden diese Leute nur selten eingestellt – aus guten Gründen.
Investitionen sind sinnvoll. Aber es muss ZUVOR sichergestellt werden, dass Projekte auch „in time, in quality und in budget“ realisiert werden.
Das ist nur selten der Fall hierzulande. Deshalb kann man das Geld auch gleich mit dem Feuerzeug anzünden.
Daran wird deshalb auch das sogenannte „Sondervermögen“ nichts ändern, es ist lediglich ein Segen für die Banken und deren Besitzer.
In der Privatwirtschaft hingegen werden Projekte erfolgreich umgesetzt, mit kompetenten Personal. Und wenn nicht, rollen rechzeitig Köpfe.
Da widerspreche ich Ihnen in einem zentralen Punkt gar nicht: Mehr Geld allein löst Deutschlands Probleme nicht.
Wir haben nicht nur einen gewaltigen Investitionsrückstand, sondern gleichzeitig ein massives Umsetzungsproblem. Zu lange Planungs- und Genehmigungsverfahren, mangelnde Verwaltungskapazitäten und komplizierte Strukturen bremsen öffentliche Investitionen teilweise erheblich.
Aber genau deshalb sind es zwei Probleme – und nicht eines.
Die Konsequenz aus schlecht organisierten Projekten kann nicht sein, notwendige Investitionen zu unterlassen. Sie muss sein, den Staat endlich in die Lage zu versetzen, Projekte schneller, effizienter und mit klarer Verantwortung umzusetzen.
Was ich allerdings nicht teile, ist die pauschale Abwertung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Das Problem ist meines Erachtens weniger „Faulheit“, sondern viel häufiger ein System, in dem Verantwortlichkeiten zersplittert, Verfahren überkomplex und Entscheidungen quälend langsam sind.
Deshalb braucht Deutschland beides:
mehr Investitionen und einen Staat, der endlich wieder in der Lage ist, sie vernünftig umzusetzen.
Nur Geld in ineffiziente Strukturen zu schütten wäre falsch.
Aber notwendige Investitionen wegen ineffizienter Strukturen zu unterlassen, wäre genauso falsch.