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Deutschland ist stärker, als wir manchmal glauben

26. Mai 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 14 Kommentare

Deutschland hat Probleme. Viele sogar.

Wir haben zu viel Bürokratie, hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, eine alternde Gesellschaft, Investitionsstau und politische Entscheidungen, die wirtschaftliche Stärke nicht immer fördern.

Das alles ist real.

Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Denn bei aller berechtigten Kritik wird oft vergessen: Deutschland ist gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt in US-Dollar — der international üblichen Kennzahl für globale wirtschaftliche Größenvergleiche — die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Nach den USA und China.

Vor nicht allzu langer Zeit lag Japan noch vor uns. Jahrzehntelang galt die japanische Wirtschaft als nahezu uneinholbar. 2023 hat Deutschland Japan beim nominalen Bruttoinlandsprodukt überholt.

Das ist bemerkenswert.

Ein Blick auf die Landkarte macht das noch deutlicher:
Deutschland ist im Vergleich zu den USA, China, Indien oder Russland geografisch deutlich kleiner — und gehört dennoch wirtschaftlich weiterhin zur Weltspitze. Deutschland verfügt zudem über kaum bedeutende Rohstoffvorkommen.

Warum?

Weil Deutschland über Jahrzehnte etwas aufgebaut hat, das man nicht einfach kopieren kann: industrielle Stärke, Ingenieurskunst, einen außergewöhnlich starken Mittelstand, globale Exportfähigkeit, Forschung, Ausbildung und Vertrauen in Qualität.

Natürlich dürfen wir uns darauf nicht ausruhen.

Im Gegenteil: Gerade weil Deutschland wirtschaftlich so stark ist, wäre es fahrlässig, diese Stärke durch Bürokratie, mangelnde Reformbereitschaft oder wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen zu verspielen.

Aber Kritik darf nicht in kollektiven Pessimismus umschlagen.

Ein Land, das die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, ist kein hoffnungsloser Fall. Es ist ein Land mit Problemen — aber auch mit enormer Substanz und großen Möglichkeiten.

Vielleicht brauchen wir deshalb wieder etwas mehr wirtschaftliches Selbstvertrauen.

Nicht Arroganz. Nicht Schönfärberei. Sondern einen nüchternen Blick auf die Realität:

Deutschland steht unter Druck. Aber Deutschland ist nicht schwach.

Und wer stark ist, sollte nicht nur über den Abstieg reden — sondern darüber, wie man die eigene Stärke wieder entschlossener nutzt.

14 Kommentare

  1. Vergangenheit:

    „industrielle Stärke, Ingenieurskunst, einen außergewöhnlich starken Mittelstand, globale Exportfähigkeit, Forschung, Ausbildung und Vertrauen in Qualität.“

    Gegenwart, und daraus abgeleitet die Zukunft:

    1) Desaströses Bildungsniveau an den Schulen
    2) Abbau der Industriearbeitsplätze, welche nicht mehr nachbesetzt werden (Verschwinden von Know-How)
    3) sinkende Handelsbilanzüberschüsse sind ein klarer Beleg für die schwindende globale Konkurrenzfähigkeit

    Die Punkte 1) bis 3) sind keine Schwarzmalerei, sondern traurige Fakten.

    Wie man die eigene Stärke wiederherstellen kann?

    Eine 180 Grad Wende in wesentlichen Punkten. Bei erfolgreichen Ländern nachschauen…
    Konsequent sein

    • Die Probleme, die Sie ansprechen, sind real. Das bestreitet niemand.

      Was ich allerdings für wenig hilfreich halte, ist dieser in Deutschland inzwischen fast reflexhafte Dauerpessimismus, bei dem jede vorhandene Stärke grundsätzlich ignoriert wird.

      Deutschland hat erhebliche Probleme — und ist trotzdem gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt noch immer die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

      Sinkende Handelsbilanzüberschüsse allein sind kein klarer Beleg für schwindende globale Konkurrenzfähigkeit. Deutschlands Überschüsse sind nicht verschwunden, sondern schwanken deutlich — 2022 vor allem wegen stark gestiegener Importpreise. 2023 und 2024 haben sie sich wieder deutlich erholt. Der Punkt Wettbewerbsfähigkeit ist wichtig, aber die Handelsbilanz allein trägt diese pauschale Schlussfolgerung nicht.

      Das passt offenbar nicht ganz zu dem permanenten Untergangsnarrativ, das inzwischen manche pflegen.

      Natürlich kann man industrielle Stärke verspielen. Natürlich sind Bildung, Wettbewerbsfähigkeit und Energiepolitik entscheidend.

      Aber wer ausschließlich Niedergang beschreibt und jede bestehende wirtschaftliche Substanz ausblendet, analysiert irgendwann nicht mehr nüchtern, sondern nur noch destruktiv.

      Deutschland lebt bis heute von Industrie, Mittelstand, Forschung, Technologie und jahrzehntelang aufgebautem Know-how.

      Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Probleme existieren — sondern ob man sie lösen will oder sich lieber dauerhaft im Abgesang auf Deutschland einrichtet.

  2. Für die wirtschaftliche Entwicklung spielt auch die Psychologie eine wichtige Rolle. Konstruktive Ideen sind hilfreich, andauerndes Nörgeln sicher nicht.

    • Genau das war einer der Gedanken hinter meinem Beitrag.

      Probleme müssen angesprochen werden. Aber wenn aus Kritik ein permanentes Untergangsnarrativ wird, entsteht daraus selten etwas Konstruktives.

      Wirtschaftliche Stärke entsteht nicht durch Schönfärberei, aber auch nicht durch Dauerpessimismus.

      Sie entsteht durch Realismus, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, Probleme tatsächlich zu lösen.

  3. Schauen Sie gerne mal in die Schulen Deutschlands rein, und werten Sie bitte nüchtern PISA aus (internationaler Vergleich) – die Schüler von heute bilden das Fundament von morgen.

    Führen Sie Gespräche mit Firmenbesitzern / Geschäftsführern.

    Arbeiten Sie mal in internationalen Konzernen mit, dann können Sie das globale Personal und die Leistungsfähigkeit beurteilen.

    Fragen Sie mal nach, warum hochqualifiziertes Personal vzw in die USA migrieren wollen, und Deutschland mittlerweile meiden.

    Dann haben Sie ein objektives, ungefiltertes Bild.

    Zahlen, die den Substanzabbau dokumentieren, gibt es genügend – allerdings werden diese von den Medien bewusst nur am Rande erwähnt.

    Mein Klartext hat nichts mit Pessimismus oder destruktiver Denkweise zu tun, sondern ist eine rationale Beurteilung. Und jeder tut gut daran, faktenbasiert zu denken und bspw die Lebens- und Vermögensplanung danach auszurichten.

    Lösungen gäbe es für Deutschland, diese werden aber nicht umgesetzt werden – leider.

    • Ich bestreite Ihre Punkte nicht grundsätzlich.

      Natürlich sind die PISA-Ergebnisse besorgniserregend. Natürlich gibt es Probleme bei Wettbewerbsfähigkeit, Bildung, Energiepreisen, Bürokratie und Standortattraktivität. Und natürlich muss man diese Entwicklungen ernst nehmen.

      Aber eine Analyse wird nicht dadurch objektiver, dass sie ausschließlich negative Entwicklungen betrachtet.

      Zur Realität gehört beides:

      Deutschland hat erhebliche strukturelle Probleme.

      Und Deutschland ist zugleich gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt weiterhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, verfügt über einen starken Mittelstand und ist in vielen Industriebereichen weiterhin relevant.

      Mein Beitrag sollte nicht zeigen, dass Deutschland keine Probleme hat.

      Er sollte daran erinnern, dass Deutschland trotz dieser Probleme noch immer über erhebliche wirtschaftliche Substanz verfügt.

      Genau deshalb lohnt es sich, für bessere Rahmenbedingungen zu kämpfen, statt das Land bereits abzuschreiben.

      • „Er sollte daran erinnern, dass Deutschland trotz dieser Probleme noch immer über erhebliche wirtschaftliche Substanz verfügt.

        Genau deshalb lohnt es sich, für bessere Rahmenbedingungen zu kämpfen, statt das Land bereits abzuschreiben.“

        Volle Zustimmung. Substanz ist NOCH vorhanden.

        Welche konkreten Maßnahmen werden denn ergriffen, um die Rahmenbedingungen signifikant zu verbessern?

        Können Sie bitte konkrete Maßnahmen nennen? Ich würde gerne welche nennen, finde aber keine.

        Börse ist ehrlich: Wenn sich ein Konzern schlecht entwickelt, ziehen die Aktionäre knallhart ihre Konsequenzen.

        • Das ist ein berechtigter Einwand.

          Mein Beitrag sollte nicht behaupten, dass bereits alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden. Aber es stimmt auch nicht, dass gar nichts passiert.

          Ein konkretes Beispiel ist die Energieversorgung: Deutschland hat seine LNG-Infrastruktur nach 2022 deutlich ausgebaut und bemüht sich weiter darum, Gasbezüge breiter aufzustellen. Dazu passt auch die jüngste Vereinbarung der deutschen SEFE mit dem kanadischen LNG-Projekt Ksi Lisims über mögliche langfristige Lieferungen ab den 2030er-Jahren.

          Ob das ausreicht, kann man diskutieren.

          Aber es zeigt: Es gibt Schritte zur Diversifizierung und zur Verringerung einseitiger Abhängigkeiten.

          Der entscheidende Punkt bleibt:
          Deutschland hat erhebliche Probleme. Aber die wirtschaftliche Substanz ist noch vorhanden.

          Deshalb geht es nicht darum, das Land schönzureden — sondern darum, bessere Rahmenbedingungen einzufordern, solange noch genug Substanz da ist, auf der man aufbauen kann.

  4. Ein Anhaltspunkt für die wirtschaftlich/technische Stärke eines Landes ist auch die Anzahl seiner durch inländische Firmen erfolgten Patentanmeldungen.Egal welche Statistik man vergleichsweise herabzieht. Deutschland steht gemessen an seiner Bevölkerungszahl im internationalen Vergleich sehr gut da.

    • Danke für den Hinweis.

      Patentanmeldungen sind sicherlich nicht alles. Aber sie sind ein wichtiger Indikator für Innovationskraft und technologische Leistungsfähigkeit.

      Genau deshalb halte ich die reine Niedergangserzählung für zu kurz gegriffen.

      Deutschland hat erhebliche Probleme. Gleichzeitig gehört es industriell, technologisch und bei Patentanmeldungen weiterhin zu den starken Volkswirtschaften der Welt.

      Beides kann gleichzeitig wahr sein.

  5. „Deshalb geht es nicht darum, das Land schönzureden — sondern darum, bessere Rahmenbedingungen einzufordern, solange noch genug Substanz da ist, auf der man aufbauen kann.“

    Auch hier vollste Zustimmung.

    Aber: Gerade wer ein Stück weit in der Öffentlichkeit steht, muss höllisch aufpassen, was er sagt.

    Wer konkrete Missstände objektiv benennt, konkrete Lösungsvorschläge nennt wird hierzulande schnell in die rechte Ecke gestellt – für einen Geschäftsführer oder Firmenlenker/ -besitzer bedeutet dies dann die wirtschaftliche Vernichtung (incl der eigenen Familie).

    Dahinter stecken Interessen…

    https://www.nzz.ch/international/deutschland-hatte-grosse-fortschritte-bei-demokratie-und-meinungsfreiheit-gemacht-nun-scheint-es-in-eine-andere-richtung-zu-gehen-ld.1919496

    Der Forscher Andrew Lowenthal hat in Deutschland ein «Zensur»-Netzwerk aus 330 Regierungsbehörden, NGO, universitären Arbeitsgruppen, Faktencheckern, Think-Tanks und Stiftungen dingfest gemacht. Es beeinflusse in industriellem Massstab die Meinungsbildung, sagt er.

    Gerne gehe ich auf die Patente ein:
    https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/patente-china-uebernahmen-maschinenbau

    „Insgesamt gehört den Angaben nach bereits fast jede dritte in Deutschland entwickelte Erfindung einem ausländischen Eigentümer“

    Vielversprechende deutsche Patente wechseln den Besitzer…
    …und nichts erreicht Serienfertigung in Deutschland.
    Leider.

    Nebenbei bemerkt verlassen insbesondere hochqualifizierte Deutsche Deutschland – Brain Drain.

    • Einige Ihrer Punkte sind durchaus diskussionswürdig.

      Natürlich muss man über Meinungsfreiheit, Standortqualität, Fachkräfteabwanderung, Technologietransfer und die Eigentumsverhältnisse bei Patenten sprechen können.

      Gerade bei Patenten ist die Lage differenziert: Deutschland ist weiterhin stark bei Patentanmeldungen. Zugleich ist es ein Warnsignal, wenn in Deutschland entwickelte Technologien zunehmend von ausländischen Eigentümern kontrolliert werden.

      Aber genau das bestätigt aus meiner Sicht eher meinen Punkt:

      Deutschland hat noch erhebliche Substanz — sonst wäre diese Substanz für andere gar nicht so interessant.

      Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Probleme existieren. Die existieren.

      Die Frage ist, ob man daraus zwingend ableiten muss, dass Deutschland wirtschaftlich verloren ist.

      Das tue ich nicht.

      Ich halte es für sinnvoller, die Schwächen klar zu benennen, aber die vorhandenen Stärken nicht auszublenden.

      Denn wer nur noch den Substanzabbau sieht, übersieht leicht, dass noch Substanz vorhanden ist, um die es sich zu kämpfen lohnt.

  6. „Die Frage ist, ob man daraus zwingend ableiten muss, dass Deutschland wirtschaftlich verloren ist.“

    Diese Frage nach der Zukunft kann beantwortet werden, indem objektiv geprüft wird, ob es einen FUNDAMENTALEN Politikwechsel gibt.

    Gibt es diesen Ihrer Meinung nach in Deutschland?

    Ist der notwendige Richtungswechsel absehbar?

    Den gibt es mEn nicht. Das eingangs genannte Beispiel der Gasimporte ist gut gemeint, aber löst die FUNDAMENTALEN Probleme Deutschlands nicht.

    Börse und die freie Wirtschaft sind knallhart ehrlich: Verlierer verschwinden von der Bildfläche, Gewinner wachsen, weil sie besser sind.

    Wenn ein Unternehmen in Schieflage geraten ist, muss ein Sanierer her, der den Laden umkrempelt: die Missstände klar benennen und konkrete Maßnahmen konsequent durchsetzen. In erfolgreichen Firmen werden Leistungsträger gefördert, und Leistungsverweigerer rausgeschmissen.

    Der deutsche Staat vergrault mit permanenten Steuer- und Abgabenerhöhungen jedoch die Leistungsträger, und somit die Substanz.

    Was dann noch in bspw 20 Jahren übrig bleibt wissen die meisten gebildeten Menschen in Deutschland mittlerweile… insofern sehe u.a. ich die Frage als beantwortet.

    • Ob es den von Ihnen geforderten fundamentalen Politikwechsel bereits gibt, darüber kann man sicherlich streiten.

      Persönlich würde ich sagen: In einigen Bereichen gibt es Anpassungen, von einem grundlegenden Richtungswechsel würde ich derzeit aber ebenfalls nicht sprechen.

      Nur folgt daraus für mich noch immer nicht die Gewissheit, dass Deutschlands wirtschaftlicher Niedergang bereits feststeht.

      Genau an diesem Punkt unterscheiden sich unsere Einschätzungen.

      Sie betrachten die aktuellen Probleme und ziehen daraus eine sehr eindeutige Prognose für die kommenden Jahrzehnte.

      Ich halte Prognosen für deutlich schwieriger.

      Deutschland hat reale strukturelle Probleme. Gleichzeitig sprechen wir über die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

      Die Zukunft eines Landes hängt nicht nur von aktuellen Fehlentwicklungen ab, sondern auch von seiner vorhandenen Substanz, seiner Anpassungsfähigkeit und seiner Fähigkeit, Fehlentscheidungen zu korrigieren.

      Deshalb sehe ich die Zukunft Deutschlands weder durchweg positiv noch durchweg negativ.

      Ich sehe erhebliche Probleme.

      Aber ich sehe eben auch erhebliche Stärken.

      Und genau deshalb halte ich die Frage noch nicht für entschieden.

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