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Greiffbar – Investments zum Anfassen

26. März 2021 - Volker Schilling in Gastbeitrag | 29 Kommentare

Greiffbar - Investments zum Anfassen von Volker Schilling

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Fehlersystem
  • Fehler im System
  • Systenfehler

Fehlersystem

Eine Struktur, eine Organisation oder ein Team, welches wiederholt Fehler produziert, kann man wohl als Fehlersystem bezeichnen. Sollte man so eine Struktur abschaffen? Einige fordern dieser Tage die Abschaffung der Demokratie, des Kapitalismus oder der Freiheit, weil diese ihrer Meinung nach zu fehlerhaft sind. Ständige Kompromisse, Bürokratie oder zuviel Rede-, Reise- und Meinungsfreiheit führe nur zu schlechten Ergebnissen. Doch was ist die Alternative? Der gute Diktator, der wohlwollende Überwachungsstaat oder die „Jedem gehört Alles Allmende“? Oxymorone der Weltpolitik, die regelmäßig versagen. Nein, mir ist eine Fehlerkultur lieber, als eine Fehlerunterdrückungskultur mit Herrschaftswissen. Aus Fehlern lernt man, heißt es. Demnach muss ein Gelehrter ein Mensch sein, der in seinem Leben viele Fehler gemacht hat. Überlegen Sie einmal, wie Sie glauben, dass man mit Ihnen umgehen sollte, wenn Sie einen Fehler machen. Und fragen Sie sich, ob Sie gegenüber anderen ebenfalls so wohlwollend sind? In diesem Sinne hat mir das Fehlereingeständnis der Kanzlerin in dieser Woche sehr imponiert, auch wenn es dadurch nicht besser wird. Kommen nach den Worten bessere Ideen? Leider derzeit Fehlanzeige.

Systemfehler

Wie es sich in einem alternativen System lebt, lässt sich diese Woche wieder einmal mehr in der Türkei beobachten. Machthaber Erdogan entlässt den dritten Notenbankchef innerhalb von 2 Jahren und schickt damit die heimische Währung, die türkische Lira, erneut auf Talfahrt. So wie es aussieht, fühlen sich seine heimischen Mitbürger in ihrer eigenen Währung nicht mehr sicher. Verzweifelt versuchte er mit Appellen, die Türken dazu zu bewegen, ihre Devisen und Goldbestände in die Lira zu tauschen. Erfolglos, denn die aktuelle Wirtschaft hat einen empfindlichen Systemfehler: Politische Einmischung in die Geldpolitik. Schon 2020 verlor die Lira rund 20%, diese Woche weitere 15%. Konsequenz: Die Inflation liegt inzwischen bei 16%. Das Land wird vor dem Systemerror stehen, wenn man weiterhin staatlich diktierte Geldpolitik betreibt. Dazu passt auch die Meldung, dass Erdogan diese Woche ausgetreten ist aus der Konvention zum Schutz von Frauen gegen Gewalt. Begründung: Dies würde die Scheidungsrate massiv erhöhen. Ja richtig lieber Herr Erdogan, wenn man seine Frau nicht schlagen darf, dann muss man sich scheiden lassen. Willkommen im neuen Jahrtausend. Ich bin dafür, die Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen umzubenennen, denn es ist ja wohl eindeutig ein Systemfehler, dass diese den Namen Istanbuler-Konvention trägt.

Fehler im System

Ein Schiff steckt quer in einem Wasserkanal und blockiert einen Teil des Welthandels, weil sich dahinter inzwischen hunderte Schiffe stauen. Prompt wird über die Auswirkungen des Ölpreises und der Lieferketten diskutiert. Konsequenz: Nicht wirklich signifikante Ausschläge an den Märkten zu beobachten, für die Börse also kein Fehler im System. Viel wichtiger war das positive Signal des ifo-Geschäftsklimaindex. Der fiel nämlich für das aktuelle Klima, die Lage und für den Ausblick, deutlich besser aus als das erwartet wurde. Die Wirtschaft in Deutschland scheint robuster zu sein als viele dachten. Corona ist zwar momentan ein Fehler im System, aber dennoch läuft das System dank der enormen Gelder von Staat und Notenbank. Die Börse befindet sich damit weiter im Risk-on-Modus, neue Höchststände in der kommenden Woche wahrscheinlich. Aber ich kann mich auch irren, das wäre dann mein Fehler!

Ihr Volker Schilling

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29 Kommentare

  1. „Ifo“ in Bullenmärkten folgt der DAX meistens der Entwicklung des Ifo. Die Chancen auf weitere Kurssteigerungen liegen bei über 50%

    • Genau Peter… selbst die Schwäche in der ersten Wochenhälfte und nach dem Verfallstag, es hätte doch weiterer Verkaufsdruck aufkommen müssen(?) … kam aber nicht. Selbst kleinere Rücksetzer werden sofort wieder durch Käufe aufgesaugt. Für mich ist diese Stabilität des Marktes psychologisch ein echt guten Zeichen, es will keiner wirklich verkaufen, sondern scheinbar ist noch einiges an Geld an der Seitenlinie. Man merkt klar, die Börse schaut in die Zukunft und egal ob sich jetzt Corona und Teil-Lockdowns noch 2-3 Monate länger hinziehen als ursprünglich gedacht, die Börse blickt auf das danach…

      Diese riesige Liquidität, Konjunkturprogramme, Anlagealternativen, alle großen Regionen kommen in einer Art annähernd gleichzeitig nun in Schwung, die Rohstoffpreise geben ein Vorgeschmack… ich weiß schon, weshalb ich bis auf ein bisschen Notcash All In sonst bin, auch wenn ich wachsam bleibe, und gerade mit Old Economy und ein paar zusätzlichen Spezialthemen und -branchen, denke ich, lässt sich dieses Jahr gut Geld verdienen, mindestens im ersten Halbjahr… Dax 15000 bis 15500 ist erstmal das/mein Ziel, Dax über 16000 (temporär) schließe ich aber klar für dieses Jahr auch nicht zumindest aus.
      Ifo ist ein Vorgeschmack und dazu diese unvorstellbare Liquidität. Und der April ist doch einer der stärksten Monate mit und es ist Dividendenzeit.

    • „Die Chancen auf weitere Kurssteigerungen liegen bei über 50%“.

      Fragt sich, ob dann auch die Kurssteigerungen noch so gewaltig sind und wie lange das noch gut gehen kann. Beim aktuellen Abstand und Anstieg der 200-Tagelinie des S&P-500 kann einem zumindest schon schwindelig werden. Man kann auch mal die Panik-Indikatoren VIX und VDAX-New betrachten. Einen chrashartigen Einbruch in einem Aufwärtstrend, der nicht umgehend wieder eingefangen wurde, gab es in der Vergangenheit nur, wenn diese Indizes zuvor ein Minimum in einen bestimmten Bereich erreichten. Die Breite dieses Bereichs ist natürlich Definitionssache, denn es hängt auch vom Betrachter ab, was unter einem solchen „chrashartigen Einbruch in einem Aufwärtstrend, der nicht umgehend wieder eingefangen wurde“ zu verstehen wäre. Ich habe dazu mal zwei Grafiken erstellt und versucht, diesen Bereich durch gestrichelte Linien zu markieren (s. u.: S&P500 vs. VIX, DAX vs. VDAX-New). Demnach treten wir gerade in diesen Bereich ein. Ungefähr in der Mitte des Bereichs wird ein heftiger Einbruch sehr wahrscheinlich. Ist natürlich etwas Kaffeesatzleserei. Nachfolgend die Grafiken:

  2. Nun die zweite Grafik, wie angekündigt:

  3. Da ihr alle so guter Laune seid, habe ich die Gewinne dieses Jahres erst einmal in ein neues Auto umgesetzt. An Gewinnmitnahmen ist noch keiner arm geworden.

  4. Hallo Sandro, so ganz blicke ich da als Fundi nicht durch. Eine Korrelation zwischen V Dax u. DAX ist aber unstrittig. Man konnte es zuletzt im März/April 2020 gut beobachten. Panikausschlag beim V Dax…Crash DAX. Nun ist aber aktuell der V Dax seit paar Wochen im Tiefschlaf u. ich sehe von daher kein Verkaufsignal. Im übrigen entwickelt sich auch der V Dax m.E. ereignisbezogen…u.ich sehe auch insoweit per Saldo keinen negativen Ereignisüberhang. Paar Sorgen gibt es IMMER (Mutationen, BVerfG, Steuererhöhungen Biden, Zinsentwicklung, Wahlen BRD)…es überwiegen m.E. aber die v. Andreas u. Volker vorgestellten Gesichtspunkte.
    .

    • Hm.. ich vermute, Du hast mich etwas falsch verstanden. Ich sage gar nicht, dass aktuell vom VDAX ein konkretes Verkaufssignal ausgeht.

      Ich sage im Prinzip nur eines: Bevor es im Aufwärtstrend mal wieder stärker knallt (crashartig), muss der VDAX-New erst einmal auf ein gewisses Minimumniveau gesunken sein. Wenn es dann crasht, dann schnellt der VDAX-New sehr plötzlich hoch. Der von Dir erwähnte Panikausschlag im März/April 2020 ist ein Extrembeispiel dafür. Dass sich der VDAX vor solchen Panikausschlägen auf sehr niedrigerem Niveau befindet (zumindest wenn die Börsen im Aufwärtstrend sind), ist aus der Historie ersichtlich und ist m. E. auch logisch. Denn einen Crash gibt es vornehmlich aus einer Situation heraus, dass kurz vorher noch Entspannung vorherrscht und die Investoren mehrheitlich zuversichtlich sind, dass die Kurse weiter steigen. Ein niedriges VDAX-Niveau ist ein Indiz für eine solche Situation. Würden hingegen nicht Entspannung und Zuversicht vorherrschen, dann handelten Investoren anders und entzögen dem potentiellen drohenden Crash schon im Vorhinein die Grundlage – dann korrigierten die Kurse schon vorher, bevor sich ein hohes Crash-Potential aufbaute, und der Crash bliebe vorläufig aus. Dann wäre der VDAX aber auch nicht niedrig.

      Ich war der Meinung, dass der VDAX-New bislang noch gar nicht tief genug gesunken war, um sich in einer Situation zu wähnen, aus der heraus ein hohes Crash-Potential existiert – es reichte nur für Mini-Korrekturen. Erst jetzt dringen die Volatilitätsindizes VDAX-New in VIX in einen niedrigen Bereich vor, aus dem heraus auch ein plötzlicher heftigerer Crash möglich erscheint. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er nun unmittelbar bevorsteht. Je weiter VDAX und VIX fallen – und insbesondere, je länger sie auf einem niedrigen Niveau liegen, desto wahrscheinlicher wird so ein plötzlicher Crash. Allein an VDAX-New und VIX lässt sich das aber freilich nicht ausmachen.

      • Sorry Sandro, ich glaube nicht, dass sich die Wahrscheinlichkeit für das Ereignis „Crash“ erhöht, je länger der V Dax auf niedrigem Niveau verharrt. Klar kommt irgendwann ein schwarzer Schwan, aber der Zeitpunkt seines Erscheinens ist m.E. nicht vorhersehbar. Vergleiche hinken oft…aber ich will’s mal versuchen: Wenn beim Lottospielen die Zahl 13 in 1000 Ziehungen hintereinander nicht gezogen wurde erhöht sich dadurch mathematisch nicht die Wahrscheinlichkeit für eine Ziehung beim 1001ten Mal. Evtl. kann ein Ausschlag des V Dax ein erstes Warnzeichen sein. Meine gefühlte Wahrheit ist, daß ein Crash meistens ereignisbezogen (Änderung der Geldpolitik, Seuchen, grundlegende politische Ereignisse mit erhebl. wirtschaftl. Auswirkungen etc.) auftritt.

  5. Aries, sicher auch keine schlechte Entscheidung Gewinne auch mal mitzunehmen und Glückwunsch zum neuen Auto.

    Ich habe auch schon dieses Jahr Gewinne mitgenommen, z.B. ThyssenKrupp, war dann letztlich zu früh… habe mir auch geschworen, mal Gewinne mitzunehmen (gerade nach der Pleite mit Wirecard), wenn genug Speck dran ist… aber generell muss ich sagen, sollte man auch nicht unterschätzen The trend is your friend und wenn der Markt nach oben will, auch einzelne Aktien, kann es zwar mal zu (gesunden) Rücksetzern kommen, aber die Richtung stimmt… und gerade bei zyklischen Werten oder speziellen Dingen sehe ich weiter den Trend nach oben… daher will ich nicht zu früh verkaufen, solange sich an der Sachlage nichts ändert…

    Wirklich heiß gelaufen ist der Markt nicht und Euphorie sieht dafür anders aus… der Fear and Greed Index liegt erstaunlich bei 52 nur und die Liquidität, fehlende Euphorie und auch zahlreiche warnende Stimmen in den Medien „Börsenblase“ „Zeit für eine Korrektur von 10-15 Prozent“, die gute saisonale Börsenzeit sowie die erstaunliche Stabilität des Marktes in den letzten Wochen, spricht für mich psychologisch eher für weiter steigende Kurse im ersten Halbjahr und natürlich gehe ich bei meinen Depotwerten von einer guten Jahresentwicklung aus, heißt aber nicht, dass ich nicht zum Ende des ersten Halbjahres bzw. je nachdem wie stark der Markt gelaufen ist (bzw. Depotwerte), auch mal Gewinne mindestens zum Teil mitnehme…

    Aber momentan bin ich sogar i.w.S. All In und möchte noch gar nicht verkaufen… wenn man raus ist, fällt der Einstieg bei den Börsennotierungen dann sowieso schwer…

  6. Keine Angst, auch ich gehe von steigenden Kursen aus. Ich sehe das so wie Raimund zu Anfang des Jahres. Nur, dass meine Erwartungen etwas gedämpfter sind. Ich erwarte nicht den Bullen, sondern den Büffel.

    Allerdings habe ich schon zu oft erlebt, dass sich meine schönen Gewinne in Luft aufgelöst haben. Deshalb habe ich mir geschworen: Wenn die Börse hoch steht, machst du eine große Anschaffung. Billiger kannst du die Dinge nicht kaufen!

    Und wozu soll all das Geld gut sein, wenn es eine gewisse Menge übersteigt? Das Leben kann plötzlich ganz schön kurz sein.

    • Aries, das kenn ich auch aus der Vergangenheit, dass sich meine Gewinne in Luft aufgelöst haben und ich mehr erwartet bzw. mir ausgerechnet hatte… deswegen habe ich mir auch geschworen, auch mal Gewinne mitzunehmen… ThyssenKrupp, Siltronic, GFG, Krones nur Beispiele aus den letzten 12 Monaten, wo ich rückblickend klar zu früh Gewinne oder zumindest Teilgewinne mitgenommen habe… da ich von weiter steigenden Notierungen im ersten Halbjahr ausgehe, auch meine Depotwerte vor allem betreffend, bleibe ich momentan erstmal dabei und warte ab… außerdem habe ich mich von meinen Depotleichen mit größeren Verlusten getrennt (Ausnahme Steinhoff), wo ich in den nächsten Monaten keine stark positive Entwicklung erwarte und es lieber in lukrativere Werte gesteckt. Mein Depot ist sozusagen (momentan) bereinigt…

      … und wie gesagt, es fällt dann schwer eben z.B. bei Dax 14000 bis 15000 den richtigen Wiedereinstieg zu finden… finde ich lukrativere Aktien, verkaufe ich natürlich auch mal etwas mit deutlichem Gewinn und schichte in den Wert um, wo ich ein wesentlich besseres Chance-Risiko-Verhältnis sehe…

      Ich habe die letzten Jahre viel Geld liegengelassen oder auch verbrannt und das wird auch sicher in der Zukunft vorkommen und auch wenn meine Bilanz insgesamt trotzdem positiv ist, ich will klar besser werden und versuche aus meinen Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen.
      2020 war ein erfolgreiches Jahr und bisher stellt 2021 das bereits in Schatten, ich möchte nicht gierig werden, aber natürlich auch nicht aus Angst etwas verpassen… beides schlechte Ratgeber.

  7. @Peter Czeck

    Ich glaube, Du verstehst mich immer noch nicht ganz.

    Natürlich hast Du völlig recht, dass sich beim Lottospielen die Wahrscheinlichkeit für die Zahl 13 nicht dadurch erhöht, dass sie 1000 mal hintereinander nicht gezogen wurde. Es geht aber auch gar nicht um einen solchen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Das Verharren des VDAX auf niedrigem Niveau ist keineswegs die Ursache für einen nachfolgenden Crash und kann von sich aus auch nicht die Wahrscheinlichkeit für irgendetwas Anderes erhöhen. Das längere Verharren des VDAX auf niedrigem Niveau wäre allenfalls ein Indiz anderer Umstände, die dann ggf. zum Crash führen, somit auch ein Indiz für die Wahrscheinlichkeit dafür. Genauer gesagt, ging es mir aber auch um eine psychologische Deutung.

    Der VDAX misst nichts anderes als die Volatilität. Diese wird durch Angst und Gier in die Höhe getrieben. Anhand der Grafiken erkennt man Einiges sofort: In Zeiträumen, in denen der VDAX lange auf niedrigem Niveau verharrt, steigt der DAX sehr stabil und oft auch stark (stabile Hausse-Phasen). In diesen Zeiträumen gibt es offenbar kaum Angst. Die Investoren sind optimistisch, aber es gibt offenbar auch (noch) keine ausufernde Gier. Der langanhaltende Optimismus führt aber schließlich doch zunehmend zu Kursübertreibungen (siehe Grafiken), und je länger das anhält, desto wahrscheinlicher wird folglich auch eine Korrektur oder ein Crash. Irgendwann passiert’s dann. Bis hierhin ist das eigentlich noch banal.

    Nun aber die Frage: Kann das VDX-Niveau kurzfristig auch einen Hinweis darauf geben, ob nur eine einfache Korrektur ansteht, oder ob es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür gibt, dass so ein Rücksetzer in einen Crash ausartet? Meine These lautet: Ja, kann es. Aber es klappt sicher nicht immer.

    Die Grafiken zeigen: Folgt auf eine Hausse-Phase ein Crash (oder zumindest ein sehr starker Einbruch längerer Dauer), dann lag der VDAX i. d. R. zumindest kurz zuvor noch auf niedrigem Niveau, nicht auf hohem Niveau – wenn auch ggf. nur kurzzeitig.

    Hierzu die psychologische Deutung: Liegt der VDAX auf höherem Niveau, dann gibt es drei Möglichkeiten.
    Möglichkeit 1: Das Angstlevel ist hoch und überwiegt den Optimismus bzw. die Gier. In diesem Fall ist die Korrektur (oder eine Baisse oder sogar ein Crash) schon längst im Gange.
    Möglichkeit 2: Die Gier ist hoch und überwiegt die Angst – ggf. kann die Börsenstimmung dabei auch euphorisch sein. Die Gier sorgt nun dafür, dass Rücksetzer nicht sofort in einen Crash umschlagen, sondern schnell wieder zu Nachkäufen genutzt werden. Erst wenn sich die Gier/Euphorie/übertriebene Kauflust wieder etwas gelegt hat (ein gesunkenes VDAX-Niveau ist ein Indiz dafür), kann sich aus solch einem Rücksetzer dann auch leichter ein Crash entwickeln.
    Möglichkeit 3: Angst und Gier liegen auf ungefähr gleich hohem Niveau. Dieser Zustand liegt bei der Bodenbildung nach einem Crash vor.
    Diese Zusammenhänge lassen sich anhand der Grafiken in verschiedenen Phasen nachvollziehen, meine ich.

    Seit dem Corona-Crash war das VDAX-Niveau hoch (kurz zuvor sehr niedrig). Während des Crashs war es noch die Angst, die dafür sorgte. Nach dem Tiefpunkt überwog die Gier, obwohl die Angst zunächst sicher noch nicht so schnell gewichen war. Zuletzt spielte hauptsächlich die Gier eine Rolle und verhinderte, dass sich die Rücksetzer zu tiefen Einbrüchen großer Zeitdauer entwickelten. Nun aber lässt die Gier bzw. übertriebene Kauflust offensichtlich langsam nach, da der VDAX weiter sinkt. D. h. Rücksetzer werden somit gefährlicher. Das ist meine Deutung.

    Vielleicht kennt ja jemand ein tolles Börsenbuch, in dem man mehr über die Zusammenhänge erfahren kann.

    • Noch ein kleiner Nachtrag dazu: Es ist vermutlich etwas zu einfach, nur von „Gier“ als Kaufmotivation zu sprechen. Tatsächlich müsste man wohl eher von „Kauflust“ oder „Kaufdruck“ sprechen, was unterschiedlich motiviert sein kann. Dabei spielt vermutlich auch der Faktor „Geld“ eine wichtige Rolle. Kostolany betrachtet zwar Geld und Psychologie als zwei unterschiedliche Faktoren. Vermutlich sind sie aber nicht statistisch unabhängig. Wenn ich kein Geld habe (oder Geld für Ausgaben zurückhalten muss oder keine großen Zuflüsse erwarte), gibt es für mich jedenfalls auch keinen Kaufdruck (auf Pump kaufen mache ich nicht gerne). Kein Geld zu haben, ist bei mir aber auch ein Indiz dafür, dass ich kurz zuvor bereits alles investiert habe, d. h. kurz zuvor also eine hohe Kauflust vorlag. Dann aber habe ich auch ein höheres Bedürfnis zu verkaufen, um mich zu schützen. Man erkennt: „Gier“ und „Angst“ bedingen sich gegenseitig und sind oft zwei Seiten einer Medaille.

  8. @Peter Czeck

    Zu Deiner Anmerkung: „Meine gefühlte Wahrheit ist, daß ein Crash meistens ereignisbezogen (Änderung der Geldpolitik, Seuchen, grundlegende politische Ereignisse mit erhebl. wirtschaftl. Auswirkungen etc.) auftritt.“

    Sicherlich kann ein Crash durch ein Ereignis oder eine Ereigniskette verursacht werden, und oft ist das auch so. Wenn morgen die Welt untergeht, wird es wohl auch einen Crash geben, egal wo DAX, VDAX-New oder VIX gerade stehen.

    Oft waren Ergeignisse aber nicht der eigentliche Grund, sondern nur der Auslöser für eine heftige Korrektur, die ohnehin überfällig war, weil es zuvor Kursübertreibungen gab. In verschiedenen Börsenphasen werden die Ereignisse unterschiedlich wahrgenommen. Mal wird eine Notenbankentscheidung sehr positiv aufgnommen. In einer anderen Phase wird die gleiche Entscheidung sehr negativ aufgnommen, weil da irgendetwas hineininterpretiert wird, um daraus eine zum aktuellen Börsengeschehen passende Handlungsanweisung abzuleiten. Du kennst sicherlich auch Raimunds Meinung, wochach häufig angebliche Gründe nachgeschoben werden, um das Börsengeschehen nachträglich zu erklären (Raimund kann mich korrigieren, falls ich ihm etwas Falsches in den Mund lege).

    Die Börse hat nun einmal auch ein Eigenleben, aus dem sich manchmal eine Situation mit hohem Crash-Potential entwickelt. Man kann sich Charts und ggf. auch Volatilitätsindizes und andere Indikatoren zunutze machen, um daraus das Potential oder die aktuelle Wahrscheinlichkeit für einen heftigen Einbruch abzuschätzen. Sichere Vorhersagen über Zeitpunkt und Stärke eines Rücksetzers sind selbstverständlich nicht möglich.

  9. Jo mei Sandro, da liegst du sicher mit der Deutung einiger Ereignisse/Situationen f.die Vergangenheit richtig. Man darf aber nie die politisch/wirtschaftliche aktuelle Gesamtsituation ausblenden…u. das sind nun mal die Billionen u. die niedrigen bis Minuszinsen. Sonst liegt man mit der Prognose v. Kursrückgängen nicht ganz richtig….wie der aufmerksame Leser auch gerade hier im Forum mehrfach festellen konnte.

    • Richtig.

      Alleine aus dem VDAX-New lässt sich gar nichts aussagen. Zumindest muss man zusätzlich den Chart des DAX heranziehen. Tatsächlich lassen sich dann in einigen Phasen sinnvolle Handlungsanweisungen gewinnen. Besser aber, man zieht noch weitere Informationen heran. Je mehr Infos, desto bessere Aussagen lassen sich treffen. Man muss es natürlich richtig interpretieren können.

      • „je mehr Infos“ genau. Deshalb habe ich meine bb biotech wg. NAV
        heute verkauft…Gewinnmitnahmen nach Dividende

      • Ich befürchte, mit dem VDAX ist es wie mir der Rocklänge der Frauen. Daraus wollte man auch mal auf die Entwicklung des Dow Jones Index schließen.

        • Tja… und das Dumme ist: Wenn es tatsächlich funktionieren sollte, dann richten sich früher oder später alle danach. Dann kann es aber nicht mehr funktionieren.

          Selbst der geheime PI-Code des US-Wirtschaftspropheten Martin Armstrong würde versagen, wenn er nicht nur von einer Minderheit genutzt würde. 😉

        • Ich würde meine Überlegungen zu den Volatilitätsindizes wie folgt zusammenfassen: In weiten Teilen sind sie nicht besonders nützlich oder können nur Informationen liefern, die ohnehin banal sind bzw. wofür man sie nicht bräuchte. Es gibt m. E. allerdings auch einige Phasen, in denen sie nützlich gewesen wären. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man die Volatilitätsniveaus und deren Veränderungen richtig interpretieren kann. Dafür muss man weitere Daten heranziehen. Zumindest benötigt man die zugehörigen Charts der Indizes, deren Volatilität sie messen.

          Es ist relativ einfach, irgendwelche statistische Auffälligkeiten aus der Vergangenheit zu sammeln und daraus ein Regel aufzustellen. In den meisten Fällen wird diese Regel in der Zukunft aber nicht funktionieren. Bessere Chancen dafür gibt es, wenn sich Gründe bzw. Erklärungen dafür finden lassen, z. B. psychologische Deutungen. Beim VDAX-New scheint mir das, wie gesagt, nur in manchen Phasen möglich.

  10. Übrigens: Sollte die Hausse weitergehen und sollten die Volatilitätsniveaus dabei wieder steigen, dann mache ich mir erst einmal wenig Sorgen. Denn dann glaube ich zwar, dass eine Blasenbildung vorliegt. Aber solange die Volatilität hoch bleibt, ist der Kaufdruck hoch, weshalb die Blase noch nicht platzen wird. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass der Verkausdruck unbemerkt ansteigt, ohne dass der Kaufdruck vorher abnimmt, was an einer vorher deutlich sinkenden Volatilität zu erkennen wäre. Das passiert nämlich nur selten in einer Hausse, sondern eher in Bodenbildungsphasen oder bei Zwischenerholungen.

    • „Blasenbildung“ Warum liegt eine Blasenbildung bei Aktien vor, wenn das KGV f. festverzinsliche 10jaehrige Staatspapiere i.d. USA bei über 50 liegt u. bei uns …sagen wir mal bei 100?

      • Dazu zunächst einmal eine Gegenfrage: Wieso kann KEINE Blasenbildung vorliegen, wenn das KGV f. festverzinsliche 10jaehrige Staatspapiere i.d. USA bei über 50 liegt? Kann es keine Blasenbildung in Erwartung steigender Zinssätze geben? Oder gibt es zukünftig etwa keine Aktien-Blasen mehr, weil die Zinssätze niedrig sind, ggf. zukunftig sogar noch weiter sinken und dabei die KGVs für Staatsanleihen immer höher oder sogar unendlich oder negativ werden? Ist jetzt etwa alles anders? Eine Antwort mit „ja“ auf die letzte Frage würde mir schon fast als Beleg für eine Blasenbildung genügen.

        Mein Ansatz war es, lediglich aus VDX-New und DAX solche Phasen zu finden, in denen sich möglicherweise Anzeichen für eine Blasenbildung ausmachen ließen.

        Es gibt Hausse-Phasen mit niedrigem und sinkendem Volatilitätsniveau. Dies wäre aber keineswegs ein sicheres Anzeichen für eine Blasenbildung. Sie kann aber auch nicht ausgeschlossen werden. Denn dafür, dass der DAX stark steigt, braucht es nicht zwingend einen hohen „Kaufdruck“, sondern lediglich mehr Kaufwillige als Verkaufswillige. Man könnte dann z. B. auch vermuten, dass potentiell Verkaufswillige eher zögerlich handeln, ungefähr nach der Devise: „Verkaufen wäre nicht verkehrt, aber ein bisschen mehr darf’s schon noch sein, solange die Hausse läuft“. Letzteres könnte z. B. einen niedrigen „Verkaufsdruck“ erklären, einer niedrigen Volatilität entsprechend.

        In anderen Phasen steiler Anstiege des DAX gibt es aber ein hohes oder zumindest wieder steigendes Volatilitätsniveau (ich beziehe mich dabei nicht auf Zwischenerholungen in einer Baisse oder Bodenbildungsphasen). In diesem Fall liegt es nahe, dass das hohe Volatilitätsniveau und dessen Anstieg einem hohen bzw. steigenden „Kaufdruck“ geschuldet ist. Ganz egal, welche Ursache dieser „Kaufdruck“ hat. Ursachen können Gier, Euphorie, übertriebene Erwartungshaltungen oder auch der Faktor „Geld“ (z. B. aufgrund der Notenbankpolitik) sein. Oder auch die Angst, zu spät zu kommen und etwas zu verpassen. Ein Paradebeispiel für solch eine Phase wäre das Jahr 1997. Ebenso der steile Anstieg Anfang 2000, bevor die IT-Blase platzte. Ebenso Anfang bis Mitte 2007. Auch im Vorfeld bzw. zu Beginn der „Draghi-Blase“ im Jahr 2015 lässt sich Ähnliches beobachten. Darüber hinaus gibt es noch diverse weitere kürzere oder schwächere Anstiegsphasen des Volatilitätsniveaus bei gleichzeitig steigendem DAX, in die man einen steigenden „Kaufdruck“ hereininterpretieren könnte. Das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht und nicht so klar, da auch eine steigender „Verkaufsdruck“ Ursache sein könnte und da sich „verkaufsdruck“ und „Kaufdruck“ offensichtlich gegenseitig bedingen. Aber solange der DAX steigt, kann man davon ausgehen, dass der „Kaufdruck“ überwiegt.

        Ich bin, wie gesagt, der Meinung, dass es sich in manchen Börsenphasen lohnen kann, auch die Bewegung der Volatilitätsniveaus als Entscheidungshilfe einzubeziehen. In den meisten Börsenphasen sind sie m. E. aber, wie gesagt, wenig nützlich.

        • Eine Begründung, warum sich der Aktienmarkt – wie behauptet-derzeit in einer Blase befindet, kann ich deinen Ausführungen leider nicht entnehmen. Trotzdem vielen Dank f. deine ausführlichen Stellungnahmen.

          • ??? Was heißt „wie behauptet“? Ich habe doch gar nicht behauptet, dass sich Aktienmarkt derzeit in einer Blasenbildung befindet.

            Weiter oben hatte ich lediglich geschrieben „..Denn dann glaube ich zwar, dass eine Blasenbildung vorliegt…“. Die Formulierung „denn dann“ richtet sich aber an zuvor genannte Bedingungen, die derzeit nicht vorliegen und auch nicht in Sicht sind, sich aber in einiger Zeit (oder irgendwann) einstellen könnten. Ich wollte daran eigentlich auch nur beispielhaft erläutern, dass der VDAX in diesem Fall nützlich sein könnte, um eine Blasenbildung zu erkennen. Und selbst dann könnte sich so eine Blase noch über einen langen Zeitraum fortsetzen. Viele Leute würden dann vielleicht erst viel später sagen: „Oh, wir hatten eine Blase!“.

  11. Um Missverständnisse zu vermeiden: Noch weiter oben habe ich sogar geschrieben: „Ich war der Meinung, dass der VDAX-New bislang noch gar nicht tief genug gesunken war, um sich in einer Situation zu wähnen, aus der heraus ein hohes Crash-Potential existiert – es reichte nur für Mini-Korrekturen.“ Mit anderen Worten: Bisher also sogar grünes Licht (minderschwere Rücksetzer nicht ausgeschlossen). Erst jetzt scheint mir aus Sicht der Volatilitätsentwicklung überhaupt die Möglichkeit gegeben, dass eine größere Blasenbildung beginnen kann und dann auch eine heftigere Korrektur möglich wird. Und so eine Blasenbildung könnte lange andauern, sogar Jahre … oder auch im Keim schon erstickt werden.

    Wie ich zu erläutern versuchte, ist die Volatilitätsentwicklung in verschiedenen Phasen m. E. unterschiedlich zu deuten. Eigentlich hatte ich auf konkrete Gegenargumente zu meinen Deutungsversuchen gehofft, um sie entweder zu verfeinern oder zu begraben.

    • Umso besser…dann befinden wir uns jetzt auch nach deiner Ansicht wohl noch nicht in einer Blase…sorry vielleicht habe deine Ausführungen etwas zu schnell gelesen…viel Glück bei der Deutung v. Volatilitätsentwicklungen. M.E. sollte man an der Börse nicht versuchen um zu viele Ecken zu gucken.

      • Na ja, ich glaube, ich habe mich auch etwas umständlich ausgedrückt. Vielleicht auch zu viel geschrieben.

        Anbei schon einmal: Frohe Ostern!

    • Zusammenfassend: Bislang würde ich die Entwicklung seit Frühjahr 2020 einordnen als: Crash – Bodenbildung – Erholungsphase – Anschlusshausse. Die Volatilität deutet nun erst mal auf eine Normalisierung / Beruhigung hin – es werden Normalniveaus erreicht. M. E. wäre der Eintritt in eine vorübergehende Seitwärtsphase oder kleine Korrektur nun gesund, bevor es weiter aufwärts geht. Falls dies nicht geschieht, könnte man ggf. von einer beginnenden Blasenbildung sprechen. Und eventuell wird sich das dann auch an der Volatilitätsentwicklung ablesen lassen. Ich werde jedenfalls mal darauf achten.

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