Categories Menu

Mikhail Khodorkovsky

30. Juni 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 2 Kommentare

Warum Putins Oligarchen ihn wohl nicht stürzen werden

In dem Interview „Could Russia turn on Putin? Insights from his oldest enemy“ von CBC News: The National sagt Mikhail Khodorkovsky etwas, das im Westen oft unterschätzt wird:

Die russischen Oligarchen sind vermutlich nicht die Kraft, die Putin zu Fall bringen wird.

Viele hoffen seit Beginn des Krieges, dass irgendwann die großen Geschäftsleute in Russland genug haben. Dass sie erkennen, wie sehr Putins Krieg ihr Vermögen, ihre internationalen Beziehungen und ihre Zukunft zerstört. Und dass sie sich deshalb gegen ihn stellen.

Khodorkovskys Analyse ist deutlich nüchterner.

Nach seiner Einschätzung waren weder Putins unmittelbarer Machtzirkel noch die großen Unternehmer echte Unterstützer dieses Krieges. Für das klassische große Geschäft bringt dieser Krieg nichts Gutes: Sanktionen, Isolation, eingefrorene Vermögen, zerstörte Geschäftsmodelle.

Aber Unzufriedenheit ist noch keine Macht.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer:

Im Westen folgt Macht oft dem Geld.
In Russland folgt Macht den Waffen.
Und das Geld folgt der Macht.

Genau darin liegt nach Khodorkovsky das westliche Missverständnis.

Der Westen habe die russischen Großunternehmer zu lange als „Oligarchen“ verstanden — also als Menschen, die nicht nur über Geld, sondern auch über eigenständige politische Macht verfügen.

Doch in Putins Russland ist das nach dieser Analyse gerade nicht der Fall.

Die sogenannten Oligarchen sind dort keine autonome Gegenmacht zum Kreml. Sie sind keine unabhängige Elite, die Putin kontrolliert. Sie sind eher Teil eines Systems, in dem wirtschaftlicher Reichtum von politischer Loyalität abhängt.

Wer sein Vermögen behalten will, muss sich arrangieren.
Wer sich offen gegen die Macht stellt, riskiert alles.
Und wer keine eigenen Gewaltmittel hat, hat im Ernstfall auch keine letzte Machtbasis.

Das macht die Lage so gefährlich.

Denn dann endet Putins Krieg wahrscheinlich nicht, weil ein paar Milliardäre plötzlich zur Vernunft kommen.

Er endet erst, wenn sich das Machtgefüge selbst verschiebt — in den Sicherheitsapparaten, im Militär oder in den Machtstrukturen des Staates.

Nicht das Geld entscheidet in Russland über die Macht.
Die Macht entscheidet über das Geld.

Und genau das unterschätzt der Westen immer wieder.

2 Kommentare

  1. „Denn dann endet Putins Krieg wahrscheinlich nicht, weil ein paar Milliardäre plötzlich zur Vernunft kommen.“

    Warum haben die westlichen Eliten denn nicht die illegalen Kriege der USA verhindert, bzw sich offen dagegen gestellt?

    Ihre Analyse greift zu kurz.

    • Danke für den Einwand. Wichtig ist mir aber die Einordnung: Ich gebe hier nicht meine eigene umfassende Analyse westlicher oder russischer Machtpolitik wieder, sondern greife eine Aussage von Mikhail Khodorkovsky aus dem CBC-Interview „Could Russia turn on Putin? Insights from his oldest enemy“ auf.

      Khodorkovskys Punkt war sehr konkret: Der Westen überschätzt aus seiner Sicht die Macht der russischen Oligarchen, weil er Macht häufig vom Geld her denkt. Seine These lautet: In Russland folgt Macht nicht dem Geld, sondern den Waffen, den Sicherheitsapparaten und dem Kreml. Das Geld folgt der Macht.

      Deshalb ging es in meinem Beitrag nicht darum, westliche Kriege zu rechtfertigen oder westliche Eliten von Kritik auszunehmen. Natürlich kann man darüber sprechen, warum politische, wirtschaftliche oder mediale Eliten im Westen bestimmte Kriege nicht verhindert oder nicht klar genug kritisiert haben.

      Aber das ist eine andere Frage.

      Die konkrete Frage bei Khodorkovsky war: Haben russische Milliardäre überhaupt die strukturelle Macht, Putins Krieg zu beenden?

      Und seine Antwort ist: eher nein. Nicht, weil sie den Krieg zwingend gut finden. Sondern weil sie im russischen System keine unabhängige Machtbasis gegenüber Kreml, Sicherheitsapparaten und Gewaltstrukturen haben.

      Genau diesen Punkt wollte ich wiedergeben. Der Vergleich mit westlichen Eliten ist als moralischer Einwand nachvollziehbar, beantwortet aber nicht die strukturelle Frage, die Khodorkovsky stellt.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

wp-puzzle.com logo