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Parkgebühr fürs Geld wird zur Normalität

28. August 2019 - Raimund Brichta in Allgemein | 15 Kommentare

Jeder findet es selbstverständlich, wenn er für sein Auto eine Parkgebühr zahlen muss. Gegen eine Parkgebühr fürs Geld formiert sich dagegen heftiger Widerstand. Nichts anderes sind aber die Negativzinsen, über die so heiß diskutiert wird. Gerade erst hat eine Umfrage im Auftrag von RTL und n-tv gezeigt, dass eine Mehrheit der Deutschen es befürwortet, dass Negativzinsen verboten werden – so wie es Finanzminister Scholz gerade prüfen lässt.

Dabei werden sich Negativzinsen langfristig gar nicht vermeiden lassen. Darauf hatte ich schon 2013 hingewiesen und dafür von manchen Lesern heftigen Widerspruch geerntet. Nun kommt das Thema erneut auf, und es wird nicht das letzte Mal sein. Auch in 10 Jahren werden wir uns damit noch beschäftigen.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass unser Geldsystem sich seinem Zusammenbruch nähert und die Niedrig- bzw. Negativzinsen ein Phänomen dafür sind. Sie sind gleichzeitig ein lebensverlängernder Mechanismus. Er wirkt darauf hin, dass sich der Zusammenbruch hinauszögert.

Grund dafür ist die Tasache, dass der Berg an Geldvermögen und das ihm gegenüberstehende Loch an Schulden ein Ausmaß erreicht haben, das an seine Grenzen stößt. Das riesige Schuldenloch kann nur noch dadurch aufrechterhalten werden, dass das Heer an Schuldnern Zinserleichterungen erhält. Ansonsten würden immer mehr Schuldner kollabieren und eine Kettenreaktion auslösen, die zum Zusammenbruch führt. Nur wenn die vom Kollaps bedrohten Schuldner weniger Zinsen zahlen müssen, kann ihr Kollaps aufgeschoben werden und das System erst einmal überleben.

Für die kreditwürdigsten Schuldner, zum Beispiel den deutschen Staat, bedeutet das, dass er gar keine Zinsen mehr zahlen muss. Im Gegenteil: Er bekommt sogar noch Zinsen dafür, wenn er sich Geld leiht. Diese Art von Negativzins gab es übrigens schon, bevor die EZB damit anfing, Strafzinsen von den Banken zu kassieren, die diese jetzt eventuell an uns Sparer weitergeben wollen.

Der Prozess in Richtung weiter fallender Zinsen wird unwiderruflich weitergehen und allenfalls durch vorübergehende Gegenreaktionen nach oben unterbrochen – so wie in den USA in den vergangenen beiden Jahren.

Gleichzeitig muss das System aus Geldvermögen und Schulden weiter wachsen (die Begründung dafür steht in unserem Buch). Es müssen also immer neue Schuldner gefunden werden. Und dabei kommt den kreditwürdigsten Schuldnern eine besondere Rolle zu: Je mehr sie von den neuen Schulden übernehmen, desto länger kann das System weiterleben, ohne zu kollabieren. Folgerichtig wächst derzeit der Druck auf die Bundesregierung – nach herkömmlichen Maßstäben einer der kreditwürdigsten Schuldner weltweit – wieder mehr Schulden zu machen.

Hier passt also eins eins zum anderen, wenn man die dahinter stehenden Wirkungszusammenhänge durchschaut. Deshalb war die vor Jahren mit viel Premborium geschaffene „Schuldenbremse“ von vornherein eine allenfalls vorübergehende Erscheinung, die früher oder später wieder eingemottet werden dürfte. Erste „Schafft-sie-ab-Forderungen“ gibt es bereits, und sie werden in den nächsten Jahren zunehmen, wetten? Vorher werden natürlich die „Spielräume“ genutzt werden, die selbst die Schuldenbremse zum Schuldenmachen bietet.

Fakt bleibt – und das schreibe ich schon seit Jahren: Der Staat kann sich in dieser systembedingten Geld-Schuldenspirale nicht dauerhaft als Schuldner zurückziehen, wie sich das einige Sparpolitiker noch vor Kurzem vorgestellt hatten.

Schauen wir uns noch die andere Seite der Medaille an, den Geldvermögensberg: Auch dieser ist inzwischen nicht nur riesig groß, sondern auch er wird in Zukunft weiter wachsen. Wenn also das Angebot an Sparvermögen weiter zulegt, MUSS der Preis dafür, also der Zins, logischerweise im Trend weiter fallen.

Das heißt: Beide Seiten, die Angebots- und die Nachfrageseite, sorgen dafür, dass die Zinsen langfristig weiter fallen und der Negativzins alles andere sein wird als eine vorübergehende Erscheinung. Die Notenbanken sind nur Verwalter, nicht Verursacher dieses Trends. Klar, sie könnten gegensteuern und die von ihnen beeinflussbaren Zinsen im kurzfristigen Bereich nach oben bringen (vom Tagesgeld bis hin zu Laufzeiten von – sagen wir – ein bis zwei Jahren). Damit würden sie aber recht bald eine veritable Krise auslösen und sich daran die Finger verbrennen. US-Notenbankchef Powell hat in dieser Hinsicht im vergangenen Jahr eine erste Erfahrung gemacht. Er hätte sich dabei beinahe die Finger verbrannt.

Ob wir es also gut finden oder nicht: Negativzinsen fürs Geld werden irgendwann so normal sein wie Parkgebühren fürs Auto,

meint Ihr
Raimund Brichta

15 Kommentare

  1. Hallo Herr Brichta, die Negativzinsen der Zentralbank vernichtet Geldvermögen (Reduzierung der Bilanzsumme). Das wäre ja schon mal ein winziger Schritt, Geldvermögen und Schulden zu reduzieren . Aber was wäre, wenn man endlich die längst überfällige Korrektur in der Wirtschaft zulassen würde und nicht wieder künstlich mit neuen Billionen durch die Geldpolitik hinauszögert (Zombieunternehmen). Durch Insolvenzen werden Schulden und in gleicher Höhe Forderungen vernichtet. Auch das trägt zur Entspannung des Systems bei. Und last but not least, wird vor einer Währungsreform eine Vermögensabgabe auf Geldvermögen, Aktien, Immobilien etc. zum Beispiel nach dem immer noch existierenden Lastenausgleichsgesetz beschlossen. Wie auch immer, es gibt m. E. genügend Möglichkeiten ausreichend Geldvermögen (und damit auch Schulden) vor einer notwendigen Währungsreform zu vernichten (marktwirtschaftlich durch Insolvenzen etc oder künstlich per Gesetz). Was meinen Sie? Viele Grüße Rainer Kraushaar

    • Negativzinsen lösen mit ihrer Geldvermögen und Schulden vernichtenden Wirkung das Systemproblem nicht. Zumal Geldvermögens- und Schuldenmengen insgesamt weiter steigen müssen, solange das System am Laufen gehalten werden soll.

      Rufe nach dem freiwilligen Zulassen einer „Bereinigung“ halte ich für akademisch. Wer die realpolitischen Gegebenheiten analysiert, kommt unweigerlich zu dem Ergebnis, dass dies nicht passieren wird. Punkt.

      Abgaben – in welcher Form auch immer – vernichten als solche erst einmal überhaupt kein Vermögen. Dieses wechselt nur den Eigentümer.

      Solche Abgaben sind aber ein wesentlicher Bestandteil meiner Erwartung, dass letztlich KEINE Vermögensart von einem drohenden Zusammenbruch verschont bleiben wird. Deshalb sollte man sich auch mit keiner Vermögensart allzu sicher fühlen.

      Ich wiederhole mein Credo: Kapitalerhalt ist das Gebot des nächsten Jahrzehnts.

      • „Rufe nach dem freiwilligen Zulassen einer „Bereinigung“ halte ich für akademisch. Wer die realpolitischen Gegebenheiten analysiert, kommt unweigerlich zu dem Ergebnis, dass dies nicht passieren wird. Punkt.“

        VETO, Herr Brichta.;-)

        Wie wir alle wissen haben die Notenbanken FED & EZB die Macht, die Märkte abschmieren zu lassen. Die Schuld am Abschmieren der Märkte können die Massenmedien dann dem demokratisch gewählten US Präsidenten Trump in die Schuhe schieben. Und den BREXIT-Befürworten gleich hinterher nach dem Motto „böse Zölle, Viva Freihandel!“.

        Erinnern Sie sich noch an das griechische Referendum und „Nein“ zum Spardiktat der EU? Auf einmal gab es kein Geld mehr aus den Bankautomaten…

        • Haben Sie schon mal einen Notenbank erlebt, die ihre Macht ausnutzt, um das System zu bereinigen? Damit ist nicht ein „Abschmieren der Märkte“ gemeint. Kursverluste an den Börsen nehmen die selbstverständlich mal in Kauf. Nein, eine Systembereinigung wäre mindestens Weltwirtschaftskrise II nach der Art der 30er Jahre. Erklärtes Ziel der Notenbanken ist es aber, die Wiederholung einer solchen Krise auszuschließen.

          Und dass es mal keine Banknoten aus griechischen Geldautomaten gab, ist m. E. nicht mehr als eine Randerscheinung. Es war auf jeden Fall nicht Ausdruck einer Systembereinigung. Eher schon ein Ausdruck des Gegenteils: Denn durch die Hilfen der anderen Euroländer wurde eine solche Bereinigung verhindert.

          • Womöglich liegt ein kleines Mißverständnis vor. Ich spreche in meinem Kommentar NICHT von einer Systembereinigung a la Weltwirtschaftskirse II.

            Vielmehr würde ein temporäres Abschmieren des S&P 500 um ca. 30% vor der US-Präsidentschaftswahl Trump’s Wiederwahl zunichte machen. Die Menschen würden glauben, dass Zölle böse sind und Freihandel die ultimative Lösung ist.

            Ich bin gespannt ob dieses Szenario eintrifft. Nach wie vor glaube ich auch nicht an einen BREXIT. Spannende Zeiten!

            Kommen wir aber zu „Systembereinigung“, die Sie ja auch in Ihrem Buch thematisieren. Wissen Sie, warum ich Stand heute eine Systembereinigung ausschließe? Eine Systembereinigung würde zu absolutem Chaos führen, die EU sprengen, und sämtliche westliche Länder würden wieder ihr eigenes Süppchen im Sinne ihrer eigenen Bevölkerung kochen. Nein, dafür ist es noch zu früh. Wenn die Bevölkerung aber sukzessive verblödet und sich vor Massenmedien-Kampagnen spannen lässt ohne zu reflektieren oder sich zu wehren, können „alternativlose“ Entscheidungen durchgesetzt werden. Die technisch mögliche Totalüberwachung der Bevölkerung wird andere Meinungen gänzlich im Keim ersticken. In einer Genreation dürfte es soweit sein.

          • Jetzt scheinen wir uns aber im Kreise zu drehen, denn genau dies hatte ich in meiner Antwort auf Herrn Kraushaar inhaltlich genauso formuliert, indem ich schrieb (siehe oben):

            „Rufe nach dem freiwilligen Zulassen einer „Bereinigung“ halte ich für akademisch. Wer die realpolitischen Gegebenheiten analysiert, kommt unweigerlich zu dem Ergebnis, dass dies nicht passieren wird. Punkt.“

            Und bis zu einer unfreiwilligen Bereinigung ist noch viel, viel Zeit. Das schreiben wir auch so im Buch.

  2. Hallo Herr Brichta, erstmal Danke für diese informative HP.
    Sie schrieben in den o.g. Artikel „dass unser Geldsystem sich seinem Zusammenbruch nähert“. Meine Frage dazu: Wie stellen sich privat Anlager auf dieses Ereignis ein. Wie muss gehandelt werden? Sachverwerte (Aktien, Immo), Fremdwährungen, Rohstoffe, Edelmetalle, Schulden machen?

    • Einfache Lösungen gibt es nicht. Konzentrieren Sie sich auf „wahre Werte“ wie Aktien mit Substanz, Edelmetall sowie Immobilien. Also auf das, was Sie im WWD und im Wahre-Werte-Fonds vorfinden. Meiden Sie Geldwerte wie Bankguthaben, Kredite und Anleihen (abgesehen von einem „Notgroschen“). Investieren Sie in „Humankapital“ (entweder in das eigene oder in das naher Verwandter).

      Schulden machen nur insoweit, als dass Sie auch in einer Krise den Schuldendienst stets leisten können. Ihre Schulden werden in einem Zusammenbruch nämlich vermutlich nicht gestrichen.

      Denken Sie ansonsten auch verstärkt ans Geldausgeben, gönnen Sie sich was 😉

      Und last but not least: Denken Sie auch an andere und spenden Sie für gute Zwecke Ihrer Wahl.

  3. Hugo Stinnes der Inflationskönig – Was hat der gute Mann also geniales gemacht? Im Grunde ganz simpel gesagt, hat er Unternehmen und Dinge auf Kredit in einer Hyperinflation gekauft und die Schulden dann später einfach mit wertlosem Geld bezahlt.

    https://www.klamm.de/forum/f52/hugo-stinnes-der-inflationskoenig-eine-deutsche-erfolgsgeschichte-106276.html?fbclid=IwAR2z2xAuQYF2ekkQZCK9gx4PEDMIdxkztzAeCRYq2kU-iJcHmePzo4OsgqI

    – Wird sich die Geschichte auch hier wiederholen?

    • Ich sehe im Zuge des kommenden Jahrzehnts keine solche Inflation in Form explodierender Verbraucherpreise. Damals war es ein deutscher Sonderfall, der auf den verlorenen Krieg zurückzuführen war.

  4. ist es nicht so,dass die Banken durch den niedrig-negativ zins in die operative Verlustzone rutschen weil sie kein Gewinn mehr machen können,Sparmarge,Transformationsmarge und die Kreditmarge diese machen 80% des Geschäfts der Banken aus.Dazu kommt die Kreditvergabe an ca300000 Unternehmen die eigentlich Pleite machen müssten,sogenannte Zombie unternehmen diese Summe ca. 1500 Milliarden sind futsch.2020 werden mehr Banken rote als schwarze Zahlen schreiben,da dadurch das Eigenkapital erodiert wird ein Deflation druck ausgelöst den die EZB mit noch mehr Geld alles in allem ca.12 Billionen bekämpfen wird ,die daraus resultierende Inflation wird ca bei 20-30% sein,pro Monat,das wird der Euro dann auch nicht mehr Überleben Deutschland und die gesamte EU wird dann Pleite sein.Ich weiss das dies eine sehr negative Prognose ist,danke für das Durchlesen Hans Nikolaus Fellner

    • Der Zusammenbruch wird höchstwahrscheinlich kommen, wenn auch erst frühestens Ende des nächsten Jahrzehnts. Dass wir zwischenzeitlich noch eine Inflation in Form steigender Preise sehen werden, ist allerdings noch lange nicht ausgemacht. Die Inflation des Geldes (= steigende Geldmengen) wird allenfalls dann zur Preisinflation führen, wenn Projekte wie Helikoptergeld realisiert werden. Preisinflation gibt es nämlich nur dann, wenn das Geld an die breite Bevölkerung verteilt wird und wenn diese es dann für Waren und Dienstleistungen ausgibt. Aber selbst dann ist die Preisinflation noch nicht ausgemacht.

  5. Danke für die Antwort,ich hoffe das es noch bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts dauert,ich mache mir nämlich wie viele andere auch Sorgen um meine Lebensversicherung die in drei Jahren fällig wird,mit freundlichen Grüssen hans nikolaus fellner

    • 3 Jahre könnten zu schaffen sein. Die knifflige Frage ist nur, was Sie nach Auszahlung mit dem Geld machen. Ich gehe davon aus, dass Sie es weder unters Kopfkissen stecken noch sofort ausgeben wollen 😉

  6. ja das ist eine berechtigte Frage,Gold und Fremd Währungen anonym Lagern und natürlich auch das WWD stay tuned

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