Putin gerät unter Druck – und genau das macht ihn gefährlicher
10. Juli 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 4 Kommentare
Im Juli 2022 habe ich geschrieben:
„Putin ist ein Verlierer – aber das macht ihn umso gefährlicher.“
Vier Jahre später hat sich die zentrale These meiner damaligen Kolumne bestätigt.
Putin wollte die NATO zurückdrängen. Er hat das Gegenteil erreicht: Finnland und Schweden sind dem Bündnis beigetreten. Die europäischen NATO-Staaten geben deutlich mehr für ihre Verteidigung aus. Auch die EU hat ihre Energieimporte aus Russland stark reduziert – vollständig beendet sind sie allerdings noch nicht.
Auch die Ukraine konnte Putin nicht unterwerfen. Russland hält weiterhin besetzte Gebiete im Osten und Süden des Landes. An der Front kommt seine Armee trotz großer Verluste jedoch nur langsam voran. Der entscheidende militärische Erfolg, den der Kreml als Sieg präsentieren könnte, ist ausgeblieben.
Gleichzeitig steigen die Kosten des Krieges.
Die russische Wirtschaft wird immer stärker von Rüstungsausgaben geprägt. Ukrainische Angriffe treffen Raffinerien, Treibstofflager und andere kriegswichtige Einrichtungen tief im russischen Hinterland.
Das bedeutet nicht, dass Putin vor dem Ende steht.
Russland verfügt weiterhin über erhebliche militärische und wirtschaftliche Ressourcen. Der Kreml hat das Land auf einen langen Krieg ausgerichtet und kontrolliert die Bevölkerung mit Repression, Propaganda und Angst.
Doch Putins Spielraum wird enger.
Ein Ende des Krieges ohne vorzeigbaren Erfolg würde die Frage aufwerfen, wofür Russland seit 2022 so viele Menschenleben, so viel Geld und einen großen Teil seiner Zukunft geopfert hat.
Für Putin geht es längst nicht mehr nur um die Ukraine, sondern auch um seine Macht und das Überleben seines politischen Systems.
Deshalb ist nicht zu erwarten, dass ihn wachsender Druck automatisch kompromissbereiter macht. Putin hält an seinen territorialen Forderungen fest und setzt weiterhin auf militärische Gewalt.
Hinzu kommt Donald Trump.
Trump hat lange geglaubt, er könne Putin durch persönliche Gespräche zu einem Ende des Krieges bewegen. Doch Putin hat diese Hoffnung bisher nicht erfüllt.
Inzwischen zeigt sich Trump kritischer gegenüber Moskau. Gleichzeitig bleibt er in seinen Äußerungen, Entscheidungen und Bündniszusagen schwer berechenbar.
Das kann Putin zu einer gefährlichen Fehlkalkulation verleiten: zu der Annahme, er müsse nur lange genug durchhalten, bis die amerikanische Unterstützung für die Ukraine nachlässt.
Damit ist die Lage heute noch komplizierter als im Juli 2022.
Putin hat viele seiner strategischen Ziele verfehlt. Besiegt ist er deshalb nicht.
Und Trump ist nicht einfach sein Verbündeter – aber auch kein Präsident, auf dessen Kurs sich Europa dauerhaft verlassen kann.
Meine damalige Warnung gilt deshalb weiterhin:
Ein Putin, der seinen Krieg nicht gewinnen kann, ihn aus eigener Sicht aber auch nicht verlieren darf, bleibt eine große Gefahr für Europa.
Putin ist ein Verlierer- aber das macht ihn umso gefährlicher
P.S.
Ergänzend zu meinem Beitrag noch ein Punkt, der in der Debatte aus meiner Sicht unterschätzt wird:
Wenn Putin den Krieg auf NATO-Gebiet ausweiten sollte, würde ich nicht automatisch davon ausgehen, dass er zuerst die baltischen Staaten angreift.
Ich halte auch einen schnellen russischen Angriff auf Polen für möglich.
Der Grund liegt in der besonderen Rolle Polens: Über das Land und vor allem über den Logistikknoten Rzeszów läuft ein entscheidender Teil der westlichen Waffen- und Hilfslieferungen an die Ukraine.
Wer diesen Nachschub unterbrechen und die Ukraine entscheidend schwächen will, könnte deshalb Polen ins Visier nehmen.
Dieses Risiko sollte aus meiner Sicht deutlich ernster genommen werden.
Gerade ein Putin, der immer stärker unter Druck gerät, könnte versucht sein, die Entschlossenheit der NATO genau dort zu testen, wo er zugleich die Versorgung der Ukraine treffen kann.

„Ich halte auch einen schnellen russischen Angriff auf Polen für möglich.“
Sorry, aber diese These ist völlig absurd.
Womit soll Russland denn das hoch gerüstete große Polen überfallen?
Mit 10.000 Mann?
Wenn Russland eine militärische Streitmacht in der Hinterhand hätte, würden sie weitere Fronten in der Ukraine eröffnen. Haben sie aber nicht.
Deshalb dient das Medientheater rund um einen angeblichen Angriff Russlands auf die NATO nur einem einzigen, aber wesentlichen Punkt:
STEUERGELDER (hauptsächlich deutsche) in die Rüstungsindustrie umzuleiten, sowie STAATSKREDITE bei Banken aufzunehmen (= Schulden für die Deutschen). Letzteres hilft dem Finanzsystem – wie Sie bestens wissen…
Waren Sie bei der Bundeswehr? Ich schon.
Deshalb weiß ich auch, dass ein Angriff auf ein anderes Land nicht zwingend mit Zehntausenden Bodentruppen und einer groß angelegten Invasion beginnen muss.
Ein begrenzter Angriff könnte etwa mit Raketen, Marschflugkörpern, Drohnen oder Spezialkräften gegen militärische und logistische Ziele erfolgen. Hybride Operationen wie Sabotage und Cyberangriffe können eine solche Eskalation zusätzlich vorbereiten oder begleiten.
Ich habe außerdem nicht behauptet, Russland werde Polen angreifen. Ich halte einen schnellen, möglicherweise begrenzten Angriff für möglich.
Polen ist dafür nicht irgendein Ziel: Über das Land und insbesondere über den Logistikknoten Rzeszów läuft ein entscheidender Teil der westlichen Militärhilfe für die Ukraine. Wer diesen Nachschub treffen will, muss keine neue große Bodenfront eröffnen.
Die Behauptung, Russland könne Polen nur mit einer riesigen Invasionsarmee angreifen, greift deshalb militärisch zu kurz.
Ein paar rote Linien gibt es noch. Selbst ein begrenzter Angriff bzw Militärschlag Russlands auf Polen löst einen Nato-Bündnisfall aus.
Auch militärisch würde ein Schlag auf diese Nachschubroute keinen Sinn ergeben.
„Ein begrenzter Angriff könnte etwa mit Raketen, Marschflugkörpern, Drohnen oder Spezialkräften gegen militärische und logistische Ziele erfolgen.“
1) Wissen Sie, wie viele Raketen und Drohnen tatsächlich ihre Ziele erreichen?
2) wie sollen es die Drohnen durch die ganze Ukraine durch bis nach Polen schaffen?
3) glauben Sie, dass die NATO ihre polnischen Stützpunkte und Umschlagplätze ohne Abwehr blank lässt?
4) wie sollen russische Spezialkräfte in Polen einmarschieren? Der komplette Raum wird Realtime überwacht, da kommt keiner durch, schon gar nicht Truppen in nennenswerter Zahl.
Zwischen Russland und der Ukraine bzw dem Westen läuft ein Abnutzungskrieg – klare sowjetische Militärdoktrin.
Sollte Russland tatsächlich auf die Verliererstraße geraten, hat Russland noch ein Eskalationspotential im Ärmel:
Taktische Atomwaffen.
In diesem Kontext ist interessant, dass der Konflikt in Russland mW mittlerweile als „Krieg“ bezeichnet wird: Das erlaubt den Einsatz der Atomwaffen.
Sie haben mit zwei Punkten recht: Polen und seine NATO-Partner verfügen über erhebliche Aufklärungs- und Luftverteidigungsfähigkeiten. Und ein bewaffneter russischer Angriff auf Polen wäre eine massive Eskalation, die grundsätzlich unter Artikel 5 des NATO-Vertrags fiele.
Daraus folgt aber nicht, dass ein solcher Angriff militärisch unmöglich wäre. Luftverteidigung kann Risiken reduzieren, bietet jedoch keinen absoluten Schutz. Ebenso wenig muss ein Angriff darauf angelegt sein, die gesamte Nachschubroute dauerhaft auszuschalten. Er könnte auch der Eskalation, Einschüchterung oder dem Test der politischen Entschlossenheit der NATO dienen.
Artikel 5 bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die USA oder andere Verbündete sofort mit eigenen Truppen in den Krieg eintreten. Der Vertrag schreibt keine bestimmte Reaktion vor. Jeder Mitgliedstaat entscheidet selbst, welche Maßnahmen er für notwendig hält – einschließlich, aber nicht zwingend unter Einsatz militärischer Gewalt.
Gerade bei einem Präsidenten Trump sollte man deshalb nicht so tun, als sei die konkrete amerikanische Reaktion bereits vorhersehbar. Zugespitzt gesagt: Zwischen dem Einsatz amerikanischer Streitkräfte und einer politischen Solidaritätserklärung liegt ein sehr großer Spielraum.
Ich behaupte nicht, dass ein solcher Angriff wahrscheinlich ist oder unmittelbar bevorsteht. Ich halte es aber für falsch, ihn allein mit dem Hinweis auszuschließen, Russland verfüge nicht über genügend Bodentruppen für eine Invasion Polens. Eine groß angelegte Bodenoffensive war nicht der Kern meiner Aussage.
Bei den Atomwaffen widerspreche ich Ihnen allerdings deutlich: Dass der Konflikt in Russland inzwischen teilweise als „Krieg“ bezeichnet wird, erlaubt nicht automatisch den Einsatz taktischer Atomwaffen. Entscheidend sind die russische Nukleardoktrin und eine politische Entscheidung der Führung – nicht die verwendete Bezeichnung.
Ihre Einwände zeigen, dass ein Angriff auf Polen für Russland extrem riskant wäre. Sie beweisen aber nicht, dass Putin eine solche Eskalation grundsätzlich ausschließen würde.