Schützt Anlegerschutz Anleger wirklich?
18. Juni 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | Keine Kommentare »
Schon der Begriff irritiert mich: EU-Kleinanlegerstrategie.
Warum eigentlich „Kleinanleger“?
Menschen, die ihr Geld investieren, Verantwortung für ihre Altersvorsorge übernehmen und sich am Produktivkapital beteiligen wollen, sind für mich nicht „klein“.
Sie sind Anleger.
Allein diese Begrifflichkeit sagt aus meiner Sicht viel über die Haltung aus, mit der diese Debatte teilweise geführt wird. Sie klingt nach Fürsorge, aber auch nach Bevormundung. Nach Schutz, aber auch nach Misstrauen. Nach der Vorstellung, Anleger müssten vor allem vor sich selbst geschützt werden.
Natürlich brauchen Anleger Schutz.
Natürlich brauchen sie Transparenz.
Natürlich müssen Kosten nachvollziehbar sein.
Natürlich muss klar sein, welche Interessen im Vertrieb eine Rolle spielen.
Aber schützt man Anleger wirklich, wenn man ihnen immer neue Formulare, Zielmarktdefinitionen, Kostenraster, Product-Governance-Vorgaben und Rechtfertigungspflichten zumutet?
Oder schützt man sie am Ende vor allem davor, überhaupt zu investieren?
Je länger ich mir die Diskussion um die EU-Kleinanlegerstrategie anschaue, desto stärker habe ich den Eindruck: Wir reden über die falschen Probleme.
Denn immer detailliertere Regulierung macht Anleger nicht automatisch besser geschützt. Sie kann den Zugang zur Geldanlage auch schwieriger machen.
Und genau das ist gefährlich.
Denn Nicht-Investieren ist für viele Menschen langfristig das größte Risiko.
Während die europäische Regulierung immer kleinteiliger wird, bleiben die eigentlichen Strukturfragen im Vertrieb häufig unangetastet.
Diese Strukturfrage hat Leonhard „Lenny“ Fischer in einem Interview mit FONDS professionell ONLINE vom 23. August 2023 sehr deutlich beschrieben.
Er spricht für Deutschland von einem „kartellähnlichen System“, weil große Fondsvertriebe zugleich auch Besitzer wichtiger Asset Manager seien.
Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt.
Wenn Vertrieb, Produktanbieter und wirtschaftliche Interessen so eng miteinander verflochten sind, entsteht nicht automatisch ein Wettbewerb um die beste Leistung für Anleger.
Dann entscheidet nicht zwingend die beste Leistung, sondern oft die stärkste Vertriebsstruktur.
Fischer formuliert es noch schärfer: Anbieter könnten in einem solchen System gewissermaßen „performancebefreit“ verkaufen.
Genau deshalb greift die aktuelle Debatte aus meiner Sicht zu kurz.
Noch mehr Regulierung löst dieses Strukturproblem nicht. Noch mehr Formulare schaffen keinen echten Wettbewerb. Noch mehr Rechtfertigungspflichten ersetzen keine besseren Anreize.
Wer Anleger wirklich schützen will, muss über die richtigen Fragen sprechen:
Wer verdient woran?
Welche Interessen stehen im Vertrieb im Vordergrund?
Wie entsteht echter Wettbewerb um Leistung?
Und wie wird der Zugang zur Geldanlage einfacher statt komplizierter?
Anleger brauchen Schutz vor Intransparenz und falschen Anreizen.
Aber sie brauchen auch Vertrauen, Zugang, Verständlichkeit und faire Regeln.
Vor allem brauchen sie einen Kapitalmarkt, der sie nicht wie unmündige „Kleinanleger“ behandelt, sondern wie das, was sie sind:
Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Für ihr Geld.
Für ihre Altersvorsorge.
Für ihre finanzielle Zukunft.
Nicht noch mehr Bürokratie schützt Anleger.
Sondern bessere Anreize, mehr Transparenz und echter Wettbewerb um Leistung.
