Warum ich nicht an den Niedergang des Westens glaube
29. August 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 4 Kommentare
„Die Generation Alpha wird ein Albtraum.“
Das sagt Katharine Birbalsingh, eine der bekanntesten Schulleiterinnen Großbritanniens. In einem Interview mit der NZZ zeichnet sie ein düsteres Bild des Westens und sagt, Großbritannien stehe „am Rand des Abgrunds“.
Zu wenig Disziplin, zu wenig Wissen, zu viel Opferdenken, zu wenig Eigenverantwortung.
Bei manchem möchte ich ihr zustimmen.
Nur bei ihrer großen Schlussfolgerung nicht.
Birbalsingh sieht die Schwächen des Westens. Aber bei ihrer düsteren Diagnose unterschätzt sie dessen größte Stärke: die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstkorrektur.
Denn den Westen haben nicht nur Bildung, Disziplin und Leistungsbereitschaft erfolgreich gemacht.
Zu seinen prägenden Stärken gehören wissenschaftliche Freiheit, offene Debatte, Wettbewerb, individuelle und unternehmerische Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsrechte, die Begrenzung staatlicher Macht – und die Möglichkeit, bestehende Autoritäten infrage zu stellen.
Eine Regierung kann abgewählt werden. Ein Gericht kann dem Staat Grenzen setzen. Ein Wissenschaftler darf einer herrschenden Theorie widersprechen. Ein Unternehmer kann etablierte Unternehmen herausfordern. Journalisten dürfen Regierungen kritisieren.
Dass wir offen darüber streiten können, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, ist eine der großen Stärken des Westens: Probleme können sichtbar werden – und korrigiert werden.
Und ausgerechnet Birbalsingh selbst ist dafür ein großartiges Beispiel.
Sie kritisiert öffentlich das britische Bildungssystem, widerspricht pädagogischen Moden und gründet eine Schule mit, die vieles anders macht. Ihre Schule erzielt außergewöhnliche Ergebnisse und wurde bei der jüngsten Ofsted-Inspektion weiterhin als „Outstanding“ bewertet.
Das ist für mich kein Beweis für den Niedergang des Westens.
Genau das macht den Westen aus.
Sie kann sagen: Ihr macht es falsch.
Und dann darf sie versuchen zu zeigen, dass es auch anders geht.
Wir sollten unseren Kindern wieder mehr Wissen, Disziplin und Eigenverantwortung vermitteln.
Und ihnen zugleich eines bewahren:
die Freiheit, uns zu widersprechen.

„Denn den Westen haben nicht nur Bildung, Disziplin und Leistungsbereitschaft erfolgreich gemacht.“
Ja, genau deshalb der erarbeitete Wohlstand.
Allerdings gehört dies in Deutschland der Vergangenheit an. Schauen Sie sich in den Schulen um, dann sehen Sie die Zukunft.
„Wir sollten unseren Kindern wieder mehr Wissen, Disziplin und Eigenverantwortung vermitteln.
Und ihnen zugleich eines bewahren:
die Freiheit, uns zu widersprechen.“
Hervorragende Zeilen, stimme ich zu – denn mit diesen Kochrezepten lernen Kinder sich in der Welt zu behaupten und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.
Deshalb gilt für uns eine nüchterne Betrachtung der Lage und Entwicklung in Deutschland und Westeuropa, aber stets bewusst sein dass für die eigene Familie nach wie vor Gestaltungsspielraum besteht (dank der gelebten Bildung, Disziplin und Leistungsbereitschaft).
Genau dieser letzte Punkt ist mir wichtig: Probleme nüchtern zu benennen, heißt nicht, einen zwangsläufigen Niedergang zu unterstellen. Gerade im eigenen Umfeld – in Familie und Erziehung – bleibt viel Gestaltungsspielraum. Bildung, Disziplin, Eigenverantwortung und die Freiheit zum Widerspruch sind deshalb für mich kein Widerspruch, sondern gehören zusammen.
„Gerade im eigenen Umfeld – in Familie und Erziehung – bleibt viel Gestaltungsspielraum.“
Vollste Zustimmung, und die wichtigste Aussage in Ihrem Blog.
Vor ein paar Jahrzehnten konnte man von „dem Westen“ sprechen – der Westen war politisch und gesellschaftlich prinzipiell homogen.
Allerdings ist der Westen auseinander dividiert, und das hat einzig und allein innenpolitische Gründe.
Nehmen wir die USA als Taktgeber des Westens: die Gesellschaftspolitik und Innenpolitik zwischen den sogenannten Republikaner und Demokraten ist fundamental unterschiedlich.
Ähnliches lässt sich in Europa beobachten – grob zwischen Westeuropa und Osteuropa.
„Bildung, Disziplin, Eigenverantwortung und die Freiheit zum Widerspruch sind deshalb für mich kein Widerspruch, sondern gehören zusammen.“
Wer diese Prinzipien befolgt, ist erfolgreich und wohlhabend.
Wer nicht, gehört zu den Verlierern und zu den Armen.
Beim letzten Punkt würde ich differenzieren: Bildung, Disziplin und Eigenverantwortung können die Chancen auf ein selbstbestimmtes und auch wirtschaftlich erfolgreiches Leben deutlich verbessern. Eine Garantie für Wohlstand sind sie nicht – und Armut lässt sich umgekehrt nicht einfach auf ihr Fehlen zurückführen. Gerade deshalb ist mir der Gestaltungsspielraum so wichtig: Wir können nicht alle Voraussetzungen bestimmen, aber sehr wohl, was wir aus ihnen machen.