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Bettencourts Tod treibt L’Oréal-Kurs

23. September 2017 - Raimund Brichta in Allgemein | Keine Kommentare »

Eigentlich hatten wir die Nestlé-Beteiligung an L’Oréal eher als Risikofaktor für den Aktienkurs unseres neuen Depotmitglieds L’Oréal eingestuft. Schließlich hatte ein aktivistischer Neu-Aktionär von Nestlé gefordert, dass sich die Schweizer von dieser Beteiligung trennen sollten. Gestern kam es nun genau andersherum: Die Nestlé-Beteiligung sorgte für Kursphantasie bei L’Oréal. Ob daraus etwas Greifbares wird, steht zwar noch in den Sternen, bemerkenswert ist es aber allemal.

Hintergründe dazu in der heutigen FAZ, aus der ich folgenden Artikel zitiere:

„Greift Nestlé nach Shampoo und Kosmetik?

Nach dem Tod der L’Oréal-Erbin schießen die Spekulationen ins Kraut: Was wird aus der Verbindung zwischen Nestlé und L’Oréal? Der Nichtangriffspakt läuft aus.


rit. ZÜRICH, 22. September. Am kommenden Dienstag hat Ulf Mark Schneider seinen großen Auftritt. Der Deutsche steht seit einem Jahr in Diensten von Nestlé; seit Anfang 2017 führt er den größten Nahrungsmittelkonzern der Welt. Auf dem Kapitalmarkttag in London wird der frühere Fresenius-Chef vor einer Heerschar von Analysten seine strategischen Linien und Ziele für die nächsten Jahre skizzieren. Dabei rückt urplötzlich eine Frage in den Vordergrund, mit der sich Schneider am Dienstag vermutlich gar nicht groß befassen wollte. Was wird aus der Verbindung zu L’Oréal?

Nestlé ist mit 23 Prozent an dem französischen Kosmetikkonzern beteiligt. Doch nach dem Tod der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt schießen die Spekulationen ins Kraut. Werden die Schweizer ihren Anteil an der französischen Industrie-Ikone erhöhen? Oder planen sie gar eine Übernahme? Mutmaßungen dieser Art haben den Aktienkurs von L’Oréal nach oben getrieben. Am Freitag kletterte der Kurs zwischenzeitlich um 4 Prozent, gab dann aber um 1 Prozent auf 181 Euro nach. Der Kurs von Nestlé verharrte mit knapp 70 Euro fast auf der Stelle.

Was ist dran an diesen Spekulationen? Wird sich Schneider am Dienstag zum Thema L’Oréal äußern? „Das kann ich nicht sagen“, antwortete ein Nestlé-Sprecher am Hauptsitz in Vevey. Der für seine defensive Kommunikationsstrategie bekannte Konzern verbreitete eine Stellungnahme, in der er der Familie von Liliane Bettencourt „unser aufrichtiges Beileid und tiefes Mitgefühl“ ausdrückte. Das kurze Schreiben endet mit dem Satz: „Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für weiterführende Stellungnahmen.“

Tatsächlich dürfte zumindest kurzfristig nichts passieren. Die Bettencourts, denen knapp ein Drittel von L’Oréal gehört, und der Schweizer Konzern hatten vor etlichen Jahren einen Pakt geschlossen, der es beiden Parteien verbietet, Anteile zuzukaufen. Dieser Pakt endet jedoch automatisch sechs Monate nach dem Tod von Liliane Bettencourt. Was also passiert in einem halben Jahr? Die Schweizer sind seit 1974 an L’Oréal beteiligt. Damals fürchtete die Gründerfamilie Bettencourt, dass ihr Unternehmen von den Sozialisten verstaatlicht werden könnte. Also holte man sich Nestlé als Ankeraktionär an Bord. Strategisch waren und sind die Überschneidungen freilich gering. Nestlé verkauft vor allem Kaffee (Nescafé, Nespresso), Wasser, Milchprodukte, Schokolade und Tiernahrung. L’Oréal produziert Parfums, Shampoos, Make-up-Artikel und Hautcremes unter vielen verschiedenen Marken.

Die Verbindung, welche die beiden Konzerne in dem Gemeinschaftsunternehmen Galderma (Haut-Pharmazeutik) geschmiedet hatten, lösten sie 2014 auf. Damals übernahm Nestlé Galderma ganz und schmolz im Gegenzug seine Beteiligung an L’Oréal von 29,4 Prozent auf 23,3 Prozent ab.

Seither wurde immer wieder spekuliert, dass sich die Schweizer früher oder später ganz von L’Oréal verabschieden könnten. Zuletzt gab es diesbezüglich auch Druck von Aktionären: Der aktivistische Investor Daniel Loeb, der mit seinem Hedgefonds Third Point Nestlé-Aktien im Wert von 3,5 Milliarden Dollar hält, hat Schneider offen aufgefordert, das L’Oréal-Paket zu verkaufen und das Geld an die Aktionäre auszuschütten. Dabei geht es um eine Menge Geld: Gemessen am aktuellen Börsenkurs ist dieses Paket gut 23 Milliarden Euro wert. Schneider hat zu dieser Forderung nur verlauten lassen, dass Nestlé mit dem Engagement bei L’Oréal bisher gut gefahren sei. Im Übrigen gleiste er einen gewaltigen Aktienrückkauf auf, der ganz im Sinne Loebs und anderer Investoren sein dürfte.

Tatsächlich ergäbe ein Verkauf der Anteile aus Schneiders Sicht wohl nur dann Sinn, wenn er den Milliardenerlös anderweitig für einen Großeinkauf einsetzen könnte. Der umgekehrte Weg, also eine Übernahme von L’Oréal, ist aus heutiger Sicht noch unwahrscheinlicher. Ganz abgesehen von dem horrend hohen Preis, den Nestlé schultern müsste: Kosmetik und Haarpflege sind viel zu weit weg vom Kerngeschäft mit Nahrungsmitteln. Außerdem würden sich wohl sowohl die Bettencourts als auch die französische Regierung gegen eine Übernahme zur Wehr setzen. Liliane Bettencourts Tochter Françoise Bettencourt-Meyers hat bereits betont, dass die Familie an L’Oréal und dessen Management festhalten wolle.

Patrick Schwendimann, Analyst der Zürcher Kantonalbank, hält es für „sehr unwahrscheinlich“, dass Nestlé seine Beteiligung an L’Oréal weiter aufstockt. Viel eher werde Schneider dieses Engagement in den kommenden Jahren weiter zurückfahren. Auch das Analysehaus Jefferies glaubt nicht, dass Nestlé eine Übernahme von L’Oréal plant. Möglicherweise passiere schlicht gar nichts, und die beiden Konzerne setzten ihre stille Kooperation einfach fort.“

Quelle: FAZ Nr. 222 vom 23.9.17, Seite 23

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