Die Gosse ist noch immer in Putin
30. August 2026 - Anton Voglmaier in Allgemein | 2 Kommentare
Vor drei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen Satz, bei dem ich überlegt hatte, ob er zu hart ist: „Putin hat sich selbst aus der Gosse geholt, aber nicht die Gosse aus dem Mann.“
Heute frage ich mich: Hat die Realität diesen Satz inzwischen sogar übertroffen?
Damals, im Juli 2023, lag der Aufstand der Wagner-Truppe gerade hinter Russland. Jewgeni Prigoschin hatte seine Söldner Richtung Moskau marschieren lassen. Für einen Moment schien Putins Macht zu wanken.
Doch der Aufstand brach seine Macht nicht.
Und jetzt kommen Nachrichten aus Moskau, die an meinen Satz von damals erinnern. Bloomberg berichtet unter Berufung auf kremlnahe Quellen, Russland erwäge eine massive Verschärfung seiner Raketenangriffe auf die Ukraine. Im Visier könnten Kiew einschließlich des Stadtzentrums sowie Infrastrukturziele in anderen ukrainischen Städten stehen. Unter russischen Hardlinern werde inzwischen auch über den Einsatz taktischer Atomwaffen gesprochen.
Das bedeutet nicht, dass Putin einen Atomschlag beschlossen hat. Dafür gibt es derzeit keine Hinweise. Und gerade deshalb sollten wir nicht hysterisch werden.
Aber aufmerksam.
Denn entscheidend ist etwas anderes: Offenbar wächst im Kreml die Überzeugung, dass Russland seine Ziele nur durch weitere militärische Eskalation erreichen kann. Und für Putin könnte eines noch gefährlicher sein als die Fortsetzung dieses Krieges: ihn zu verlieren.
Vielleicht erklärt genau das, warum wir Putin immer wieder falsch einschätzen.
Wir denken in Kosten und Nutzen. Wie viele Soldaten sterben? Was kostet der Krieg? Wie sehr leidet die Wirtschaft? Wann wird der Preis so hoch, dass Moskau einlenkt?
Putin könnte nach einer anderen Rechnung handeln.
Wer Macht vor allem als Stärke versteht, kann Nachgeben als Schwäche betrachten. Wer sein politisches Schicksal mit einem Krieg verbunden hat, für den kann eine Niederlage gefährlicher werden als dessen Fortsetzung. Dann führt steigender Druck nicht zwangsläufig zum Einlenken. Er kann auch zur Eskalation führen.
Genau das meinte ich 2023 mit der Gosse.
Nicht Putins Herkunft. Nicht die ärmlichen Verhältnisse seiner Kindheit in Leningrad. Sondern eine Mentalität: Stärke zeigen. Schwäche niemals eingestehen. Drohen. Einschüchtern. Und wenn der Gegner nicht weicht, den Einsatz erhöhen.
Wir wissen nicht, ob Putin jemals Atomwaffen einsetzen wird. Wer etwas anderes behauptet, weiß mehr als wir alle.
Aber wir wissen inzwischen etwas anderes:
Wir sollten niemals darauf vertrauen, dass Putin schon deshalb zurückweicht, weil der Preis für Russland immer höher wird.
Vor drei Jahren schrieb ich: „Putin hat sich selbst aus der Gosse geholt, aber nicht die Gosse aus dem Mann.“
Drei Jahre später sehe ich keinen Grund, diesen Satz zurückzunehmen.
Im Gegenteil.
Die Gosse ist noch immer in Putin.
Die Kolumne, auf die ich mich beziehe und die ich vor drei Jahren veröffentlicht habe, finden Sie hier:

Sie wissen doch, dass in Russland nicht ein einzelner Mann an der Macht ist, sondern ein Machtzirkel.
Dieser Machtzirkel scheint Stand heute sich einig zu sein – wobei nach außen hin der ehemalige Präsident Medwedew als Hardliner auftritt nebst entsprechenden Drohungen.
Die russische Militärdoktrin erlaubt den Einsatz von Atomwaffen, wenn eine Niederlage Russlands droht.
All das ist bekannt.
Welchen Sinn hat demnach Ihre Kolumne? Geht es darum Putin zu beschimpfen und somit Emotionen freien Lauf zu lassen?
Wie stellen Sie sich eine Einigung zwischen dem Westen und Russland vor?
Wie möchten Sie Russland und China auseinander dividieren?
Welche Optionen hat der Westen noch, nachdem trotz massivster Wirtschaftssanktionen und zig Milliarden Euro Militärhilfe Russland Stand heute nicht besiegt ist?
Wer ist der Verlierer? Russen und Ukrainer.
Und die Ukraine als Staat. Bevölkerung vor dem russischen Überfall: ca 52 Mio
Jetzt: ca 30 Mio
Desaströse Geburtenrate.
Junge Menschen fast alle ausgewandert.
Der Einwand zum russischen Machtzirkel ist berechtigt: Natürlich entscheidet Putin nicht über alles allein. Russland ist ein komplexes Machtgefüge aus politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten. Allerdings ist dieses System über viele Jahre stark auf Putin und seine Stellung an der Spitze zugeschnitten worden.
Genau deshalb geht es in meiner Kolumne auch nicht darum, Putin zu „beschimpfen“. Der Begriff „Gosse“ ist bewusst hart, und ich erkläre im Text ausdrücklich, was ich damit meine: nicht seine Herkunft, sondern eine Mentalität, in der Stärke, Drohung und Eskalation eine zentrale Rolle spielen und Nachgeben als Schwäche verstanden werden kann.
Auch bei der Nukleardoktrin lohnt sich Genauigkeit: Sie erlaubt nicht schlicht einen Atomwaffeneinsatz, sobald Russland eine Niederlage droht. Die Schwelle wurde 2024 allerdings deutlich abgesenkt und umfasst inzwischen auch bestimmte konventionelle Angriffe, die aus russischer Sicht eine kritische Bedrohung für Souveränität oder territoriale Integrität darstellen.
Über die richtige westliche Strategie gegenüber Russland, die Rolle Chinas und die Wirkung der Sanktionen kann und muss man diskutieren. Das wären allerdings eigene Kolumnen.
In einem Punkt besteht wohl überhaupt kein Dissens: Den höchsten Preis dieses Krieges zahlen die Menschen in der Ukraine – und auch sehr viele Menschen in Russland.