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Greiffbar – Investments zum Anfassen

8. Januar 2021 - Volker Schilling in Gastbeitrag | 13 Kommentare

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Sturm im Wasserglas
  • Sturm aufs Kapitol
  • Sturm und Drang

Sturm im Wasserglas

Seit über 25 Jahren bin ich jetzt im Fondsgeschäft, und genauso lange verfolgt mich die jährlich wiederkehrende Lust der Branche, in die Glaskugel zu blicken. Regelmäßig zu Jahresbeginn startet die Rallye der Jahresausblickpropheten. Dieses Jahr ist mir dabei eine neue Berufsbezeichnung aufgefallen. Neben den schon inflationsartigen Daueroptimisten gibt es inzwischen auch die Gattung der Krisenanalysten. Letztere wollen dem Begriff Crashprophet aus dem Wege gehen und nennen sich daher lieber Analyst. Aber egal ob Auguren, Propheten, Volkswirte oder Analysten, stets liegt die Mehrheit daneben, und nur wenige haben am Jahresende recht. Diese gelten dann als neue Gurus und verlieren ihren Glanz im Zuge weiterer Prognosen. Eine weitere Auffälligkeit des alljährlichen Schaulaufens der Hellseher ist die inzwischen floskelartige Formulierung der Aussagen, die im Nachhinein, dann noch jeden Interpretationsspielraum offenlassen oder von so abstrakter Belanglosigkeit sind, dass sie eigentlich grundsätzlich immer gelten. Beispiel gefällig? „Das kommende Jahr birgt viele Unsicherheiten und wird daher von steigender Volatilität begleitet sein.“ Stellt sich die Frage, wann genau ein neues Jahr keine Unsicherheiten hatte und ohne Volatilität auskam? Solche „Bullshit“-Formulierungen finden sich in den Jahresausblicken zu Hauf. Trotzdem habe ich die meisten gelesen und versucht abseits dieser Formulierungen neues zu entdecken. Doch Fehlanzeige: Das meiste ist so nichtssagend wie ein Sturm im Wasserglas, allerdings fällt eine gefährliche Gemeinsamkeit auf: Die Prognosen konzentrieren sich in den meisten Fällen nur noch auf einen entscheidenden Faktor: Wieviel Liquidität werden die Zentralbanken weiter den Märkten zuführen. Die ausschließliche Ausrichtung auf diesen Faktor ist die Lernkurve der letzten 10 Jahre. Egal ob Unternehmen Gewinnwachstum haben (2019) oder nicht (2020), egal ob Unternehmen überhaupt Gewinne machen, egal ob es einen Lockdown oder ob es Überschuldungen gibt, die Börsenkurse steigen und steigen. Die einzige Kurve, die noch eine Korrelation mit den Börsenkursen aufweist, ist die Kurve der Notenbankbilanzen. Je mehr Geld die Notenbanken zur Verfügung stellen, desto höher steigen die Aktienkurse. Ist es nicht wunderbar, dass wir endlich eine ganz einfache Börsenregel gefunden haben, um daraus Prognosen abzuleiten?

Sturm aufs Kapitol

Darüber dürfte inzwischen alles gesendet und gesagt sein. Wahrscheinlich noch nicht von jedem, weshalb die Berichterstattung anhalten wird. Wer dachte, 2020 war ein verrücktes Jahr, der erlebt gleich zum Jahresstart 2021 sein blaues Wunder. Für mich interessant sind die Reaktionen der US-Börsen an diesem Tag. Anders als die Medien, haben die Börsianer diesem Ereignis keine Bedeutung beigemessen und schoben die Aktienmärkte bereits zum Jahresstart auf neue Allzeithochs. Und mit zeitlichem Nachlauf erreichte auch der Deutsche Aktienindex in dieser Woche sein neues Allzeithoch bei 14.000 Punkten. Die Börse sieht die Demokratie nicht in Gefahr, weshalb sie weiter auf die Liquidität der Anleger vertraut, und die kennt im Moment nur eine Richtung: Rein in den Markt! Solch ein Momentum ist stark an der Börse, weshalb ich davon ausgehe, dass die Euphorie bis März dieses Jahres anhält. Anders als bei diesem Spiel:

Sturm und Drang

Die Epoche des Sturm und Drang war geprägt von einer leidenschaftlichen, oft tragischen Hinwendung zur Leidenschaft und Heldentum. So wie die Investoren des Bitcoins, der in dieser Woche die 40.000 Dollar-Marke erreichte und damit abhebt. Kabale und Liebe sind die bestimmenden Faktoren dieses Hypes und enden womöglich in den Leiden des jungen Investors. Oder wie der wohl bekannteste Vertreter des Sturm und Drang Johann Wolfgang von Goethe formulieren würde: „Es irrt der Mensch solang er strebt!“

Ihr Volker Schilling

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13 Kommentare

  1. Ich schließe nicht aus, dass vielleicht bis Mitte Februar/Anfang März es erstmal zu einem weiteren Anstieg in der Tendenz kommt, aber ich traue dem Frieden weiterhin nicht…

    Wir sind gerade bei den Amerikanern und dort vor allem Techs in einer absoluten Blase… allein wenn ich mir Tesla anschaue, aber auch der Hype um die Wasserstoff-Werte u.a.

    Auch wenn ich alle diese „Blasentitel“ nicht im Depot besitze (die Werte sind nicht schlecht, aber keine Investition für mich bei den Preisen), glaube ich nicht, wenn die Blase platzt (und sie kann sich natürlich weiterhin erstmal noch eine zeitlang aufblähen), dass dann nur diese Titel gesund Luft ablassen und die nicht bzw. zumindest nicht so überbewerteten alten Titel der Industrie (die ja gerade ja an Fahrt wirtschaftlich wirklich gewinnt) dann weitestgehend verschont bleiben… eine selektive Korrektur wäre natürlich wünschenswert.

    Ich bleibe zumindest wachsam. Auch wenn ich Raimund mit seinem Rat, das Klein-Klein zu unterlassen, verstehen kann… ich hatte im Corona-Crash den Absprung irgendwie verpasst und möchte nun nicht meine sehr gute Depotentwicklung wieder größer einbüßen, so dass ich lieber mal Gewinne dann in Teilen zumindest mitnehme auch wenn ich vielleicht auf ein paar Prozente damit verzichte.

    Bin momentan zu etwa 85 Prozent investiert und 15 Cash, also ich nehme noch weitere Anstiege gern mit (die extreme Liquidität lässt mich erstmal dabeibleiben), bin aber auch zu Teilverkäufen schnell bereit, denn zumindest gesund ist es momentan nicht. Eine Korrektur wäre gerade bei den Übertreibungen überfällig.

    • Lieber Andreas,du bist ein Getriebener. Du lässt dich von Wind und Wellen hin und her treiben.

      Gerade in turbulenten und scheinbar irrationalen Märkten muss man sein Ziel kennen, dahin navigieren können und dann den Kurs halten.

      Was ist dein Ziel, was deine Portfoliostruktur und was deine Strategie?

      • Hallo Aries,
        den Eindruck kann man natürlich bekommen, ein Getriebener aber, das bin ich nicht…

        Ich bin seit 23 Jahren mit dem Thema Börse vertraut, viel Lehrgeld bezahlt, Fehler gemacht usw., aber eben auch total Spaß an der Börse…

        Mein Ziel: bestmögliche Performance bei kalkuliertem Risiko, d.h. keine KO-Zertifikate, Hebelprodukte, i.d.R. keine Optionsscheine… sondern stets die Aktie. Ich bin kein aktiver Trader, aber ich sehe die Anlage nicht zwingend über Jahre, sondern über Wochen, Monate ggf. 1-2 Jahre… versuche günstig die Werte einzukaufen und wenn ich denke, sie sind ausgereizt bzw. das Chence-Risiko-Profil hat sich merklich verschoben, verkaufe ich… zudem hängt es davon ab, wie hoch meine aktuelle Cash-Position ist oder ob ich lukrativere Aktien ausfindig mache…

        Wieso sollte ich eine Korrektur voll mitmachen, wenn man zumindest ein Teil verkaufen kann… nichts ist schlimmer als in einer Korrektur oder gar einem Crash kein/kaum Geld für Käufe zu haben… ist mir in den 23 Jahren schon hier und da mal passiert… dies möchte ich nicht mehr.
        Früher gab es hier „alles muss raus“ Beiträge, die fand ich gut… nun haben sich Raimund & Co für die ruhige Hand und sonst Absicherungen entschieden… ist auch ein Weg. Ich meine nur, wieso wenn ich eine Korrektur erwarte oder eine Blase sehe, sollte ich dann nicht die Schäfchen zumindest teilweise ins Trockene bringen… ich verkaufe nie alles oder ganz, denn da sind wir wieder beim Timing, was mal klappt, häufig aber auch nicht…

        Strategie: im Einkauf liegt der Gewinn und keine überteuerten, irrationalen Werte anfassen (Tesla, Wasserstoff, US-Hightechwerte momentan)… kein Trader oder Zocker i.d.R. … manchmal aber schon ein wenig, z.B. habe ich diese Woche 1000 Euro Spielgeld mal in Bitcoin investiert, sehe ich auch als Blase momentan… aber wieso soll diese nicht vielleicht erst bei 50.000 oder gar 60.000 platzen? Allerdings denke ich, zunehmend wird der Bitcoin als Depotbeimischung bei vielen eine Rolle spielen… da aufgrund der Gelddruckerei das Vertrauen in die Währungen schwindet, wird neben Gold auch Krypowährungen als Absicherung dabei eine Rolle spielen… egal wie man den Bitcoin findet oder darüber denkt, wenn das Vertrauen in ihn zunimmt, wird auch die Nachfrage weiter zunehmen…

        Portfoliostruktur momentan: 15 Prozent Cash, 15 Prozent Gold/Goldminen, 70 Prozent Aktien (Stahl, Chemie, GFG, Mutares, SAP, L&S, Hugo Boss, Deutsche Pfandbriefbank, kleine Positionen u.a. in Einhell, Cegedim… noch abwartend eine mögliche Erholung von Corestate Capital und K+S, sonst im Laufe des Jahres Verkauf… nur Beispiele des momentanen Depots…

        Diese Woche z.B. ThyssenKrupp und Teilposition ArcelorMittal verkauft, da ich eben auch nach über 50 Prozent Gewinn und Ziel Erhöhung der Cashposition auch mal die ersten paar Gewinne mitgenommen habe…

        • Zwischen Angst u. Gier…Dopamin u.Adrenalin muß jeder seinen eigenen Weg… möglichst einen, der dem persönlichen Nervenkostüm entspricht, finden. Wenn man mit gelegentlichen Gewinnmitnahmen besser schläft, warum nicht. Zur Risikominderung kann man auch auf weniger volatile Werte ausweichen.

          • Peter, ruhig schlafen konnte ich bei der Börse im Prinzip immer. Ich habe 2000-2003, die Fianzkrise usw. mitgemacht, nie schön gewesen, klar, aber schlafen konnte ich immer. Warum?

            Weil ich das Geld im Prinzip nicht brauch(t)e, kein Druck hatte, habe ich nicht verkauft, habe ich auch kein Verlust realisiert, trotzdem Dividenden z.B. kassiert und es ausgesessen… sicherlich für meine Performance in den ersten Jahren, aber die falsche Entscheidung zumindest teilweise gewesen, denn wenn man z.B. Verluste begrenzt hätte, hätte man wo der Markt gedreht hat, mehr Cash zum investieren gehabt und die Performance wäre besser gewesen, als beim Aussitzen.

            Schlaflose Nächte hätte ich aber z.B. bei einer Immobilie, für die ich einen großen Kredit aufgenommen hätte und den abzahlen müsste, denn da will die Bank jeden Monat ihre Rate, die Immobilie ist unflexibel, ich muss in die Instandhaltung investieren usw. …

            Ne, ich liebe Börse und auch gern volatile Werte, zyklische Werte, denn da kann man mit bisschen Glück beim Timing einfach gut Geld verdienen und darum gibt es mir Spaß, den Kick, die Spannung und eben nicht unbedingt mehr immer aussitzen, liegen lassen, ruhige Hand… ich will durch nicht übermäßiges Management und auch nicht aller drei Tage rein/raus trotzdem meine Performance erhöhen.

        • „K+S“ habe ich auch im Depot. Ist übrigens der weltgrößte Hersteller v. Pharmasalz..(lt. Osthessen-news v.heute)….wird f. den Coronaimpfstoff benötigt. Glaube Aktie ist heute im Plus.

          • Peter… K+S habe ich seit der damals geplanten Übernahme durch (ehemals) Potash, seitdem hier und da mal nachgekauft, weil man dachte, es geht nicht tiefer… Salz, Ernährung der Welt bei steigender Bevölkerung und damit immer mehr Düngerbedarf schon Zukunftsmärkte… doch dann war da das Management von K+S immer wieder Ankündigungen und Prognosen und dann wieder enttäuscht… letztlich habe ich dann bei 5-7 Euro auch nicht mehr an verkaufen gedacht, aber wollte auch kein Geld mehr reinbuttern und verbilligen.

            Hatte mir im Herbst 2020 den Plan gemacht, K+S 2021 im ersten Halbjahr zu verkaufen und dann kam nun diese Entwicklung. Bin zwar weiterhin deutlich im Minus, aber nun verkaufe ich erstmal auch nicht vorschnell und vielleicht gibt es bei K+S dieses Jahr auch positive Überraschungen… meine Verluste in dem Wert reduzieren sich, also auch gut.

        • Besonders inspirierend war die Ablehnung des Abfindungsangebots durch den damaligen Vorstandsvorsitzenden v. KuS. Ich glaube ca. 30€ waren ihm zu niedrig…..

          • Peter, ich glaube das waren damals 40 Euro Übernahmeangebot… und das Management lehnte ab, weil K+S ja viel viel mehr wert sei… und dann begann der Niedergang… immer wieder alles schön geredet und wenn sie die Prognosen nicht einhalten konnten, waren andere Umstände schuld… aber sicher laut Mangament keine Fehler des Mangaments… auf der HV wurden alle immer komplett entlastet… Vertrag wurde vorzeitig für das Management trotz der Performance verlängert… bei dem Verein fehlen mir echt die Worte.

            Aber da sich ggf. nun doch eine Trendwende abzeichnen könnte, wäre es jetzt blöd zu verkaufen… ich kaufe auch nicht nach, aber warte nun was die nächsten Monate passiert… im Idealfall 15 Euro würde ich der Aktie schon zutrauen, wenn die Kalipreise deutlicher anziehen sollten…

        • Hoffen wir auf snowprofits

  2. für Marco: ich habe jetzt doch mal geschaut und ja mir ist gelungen den MDAX in 2020 deutlich outperformen zu können. Es ist also egal ob man Chemie, Stahl oder sonst für eine Branche hat, der Zeitpunkt des Kaufes und der richtige Riecher ist entscheidend und natürlich auch immer etwas Glück.

    Vielleicht schneide ich dieses Jahr wieder schlechter ab, mag sein, aber es ist egal… es ging mir nur darum, weil Marco ja mal vor langer Zeit meinte, man schafft es nicht den MDAX zu schlagen, ja auch mit BASF. Marco, lass dich nicht ärgern und schmunzel einfach ein bisschen darüber. Deine Gedanken haben hier manche Diskussion bereichert und das ist und finde ich auch gut so… auch wenn du in letzter Zeit deutlich seltener hier schreibst.

    • Nun ja, ich denke halt, dass Marktiming nicht funktioniert. Die meisten kaufen Covestro mit KGV 7, also doppelt so teuer wie jetzt. Man kann sicherlich mit Zyklikern Erfolg haben. Aber mein Punkt liegt auf langfristig. Gz zu Deinem erfolgreichen Einstieg, aber nun müsstest Du auch langfristig erfolgreich sein. BTW man konnte auch mit Wirecard in letzter Zeit gute Gewinne machen, wenn man optimal eingestiegen ist. Die eine Frage bleibt: wie sieht es langfristig aus? Ich bleibe bei meiner Meinung. Du hattest Glück mit Markttiming.

      • Langfrisitg muss ich mich noch steigern, da ist noch Luft nach oben… habe etwas mein Verhalten an der Börse geändert und will nicht die Fehler der Vergangenheit erneut wiederholen… auch wenn man sicher immer Fehler einfach machen wird.

        Wirecard ist in der jetzigen Situation nur der absolute Zock und da ist das Timing überhaupt nicht vorhersehbar… Ich habe 5stellig mit Wirecard verloren, aber vor allem GFG hat es wieder rausgeholt…
        Übrigens habe ich Steinhoff weiterhin, da sie eh nichts mehr Wert sind, halte ich sie eisern im Depot und beschäftige mich nicht mehr damit… aber vielleicht passiert in ein paar Jahren noch das Wunder… Aufstellung in Wachstummärkten, großer Umsatz… wenn die Klagen beigelegt werden (sollten) und man das Unternehmen erhalten will, weil eben schon Potenzial klar da ist, dauert es viele viele Jahre vielleicht noch, aber es besteht die Möglichkeit, dass Steinhoff es nochmal schafft, wenn alle Beteiligten mitziehen.

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